Mein Fluchthelfer, meine Muttersprache und mein Herz nen Schaden mehr zufügen. Am 3. Januar 2014 blieb es stehen. Ausgerechnet an dem Todestag meiner Mutter, die nach meiner Flucht 1993 verstarb. Zur Person Dog˘ an Akhanlı Dog˘ an Akhanlı, 1957 in S¸ avs¸ at/Türkei geboren, ist ein türkischstämmiger deutscher Schriftsteller. Von 1985 bis 1987 war er als politischer Häftling inhaftiert und floh 1991 nach Deutschland. Er veröffentlichte in der Türkei und in Deutschland Theaterstücke, Drehbücher sowie Romane, wie zum Beispiel„Der letzte Traum der Madonna“(2005) und„Tage ohne Vater“(2009). Er ist Rechercheur bei Recherche International e. V. in Köln sowie als Autor Mitglied in der internationalen Schriftstellervereinigung PEN. 192 Kapitel 3 Ich habe wohl Glück gehabt Khaled Al Rifai M ein Weg nach Deutschland war gefährlich. Ich bin mit circa 300 Leuten auf einem viel zu kleinen Schiff gefahren. Ich wurde verletzt. Das alles habe ich vorher nicht gewusst. Die Männer, denen wir Geld gegeben hatten, damit sie uns nach Europa bringen, machten ein merkwürdiges Spiel mit uns. Ich komme aus Syrien, aber die letzten Jahre hatte ich mit meiner Familie in Libyen verbracht. Ich weiß nicht, wie es in anderen Ländern ist. In Libyen ruft man den Schlepper an und informiert sich über die Reise, die Qualität des Bootes, den Treffpunkt, die Wartezeit, bis das Boot abreist, und wie hoch der Preis ist. Ich weiß nicht genau, wer diese Menschen sind. Anrufen kann sie jeder und überall. Den Schlepper findet man durch Freunde, Verwandte, die schon geflohen sind. Das Problem ist in erster Linie das Geld. Die anderen Gedanken treten erst auf, wenn man genug Geld hat. Dann fährt man zum Treffpunkt und wartet, bis das Boot bereit ist. Am Abend fängt dann alles an. Erst die Bezahlung, dann die Schritte zum Boot. Viele Menschen sammeln sich an einem schlechten Ort oder in einem Lkw. Sie warten, bis der Schlepper die Abfahrt zum Boot erklärt. Es ist eine unmenschliche Behandlung. Keiner kann sich beschweren, auch verletzte Menschen können nichts tun. Als wir am Wasser ankamen, wurden wir auf ein großes Boot geführt. Dann wurde uns erklärt, dass das Boot kaputt sei. Schnell mussten wir alle auf ein anderes, viel kleineres Boot. In der Dunkelheit verletzte ich mich an einer scharfen Kante. Ich spürte erst viel später, als wir zusammen auf dem kleinen Boot saßen, dass etwas Warmes an meinem Körper bis zu meinem Bein hinunterlief. 193
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Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
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