Druckschrift 
Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
Entstehung
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Gesicht im Sand Marek Heindorff An diesem Morgen zog ihm seine Mutter eine blaue, kurze Hose an. Aylan wollte dazu das rote T-Shirt anziehen, das sich so weich anfühlte. Und seine Lieblingsschuhe mit den Klettverschlüssen, die er schon ganz alleine schließen konnte. Er war drei Jahre alt, an diesem schrecklichen Morgen. Schreckliche Morgen gab es viele in letzter Zeit. Doch dieser sollte sein letzter sein. Eine Bootsfahrt! Viele Kinder trugen vorsichtshalber Schwimmwesten. Nicht er. Er trug nur sein rotes, weiches T-Shirt. Die Bootsfahrt war lang. Zu lang. Er konnte noch nicht auf das Meer schauen, wie es die grö­ßeren Kinder taten. Er stand eng zusammen mit Hunderten Men­schen und warf weder einen Blick auf das Meer noch zum blauen Himmel empor. Was er sah, war nur seine Mutter eine Frau vol­ler Ängste. Wie lange hatte sie schon so traurig und ängstlich aus­gesehen? Sollte eine Bootsfahrt nicht Freude machen? Freude gab es nicht! Nur erbittertes Hoffen. Doch dieses wurde erschüttert, als das Boot sich zu neigen begann. Schreie, Panik. Niemand konnte irgendetwas tun. Zusammengepfercht, unbeweglich, wie aneinan­dergekettet, glitten Hunderte Menschen einfach ins Meer. Mit ih­nen der kleine Aylan. Er konnte noch nicht schwimmen. Sein rotes, weiches T-Shirt und seine kurze blaue Hose saugten sich langsam mit Wasser voll, während seine Mutter noch krampfhaft versuchte, ihn zu halten. Hunderte Menschen, die wild um ihr Leben kämpf­ten, schwammen um sie herum. Er entglitt ihr und versank. Einfach so, in einem Meer, auf dem ein paar wenige Kilometer entfernt Kin­der in schönen bunten Schwimmwesten auf gelben Bananenboo­ten über die Wellen ritten. Weg war er. Drei Jahre alt, an diesem schrecklichen Morgen. Seine erste und letzte Bootsfahrt. 196 Kapitel 3 Marek Heindorff Stunden später lag er am Strand. Die Sonne schien und brannte ihm auf die Haut. Er, in seinem weichen, roten T-Shirt, mit der blauen kurzen Hose und den Schuhen, die er offensichtlich gut verschlos­sen hatte. Er lag da, ganz friedlich und allein. Zum ersten Mal an ­einem schönen weißen Strand, mit dem Gesicht im Sand D ieses Bild des kleinen Aylan Kurdi 1 ging um die ganze Welt. Es wurde zum Symbol der Flüchtlingssituation und stellte damit Fragen an Eu­ropa. Am 2. September 2015 erreichte es mich. So groß der Schock auch war, vor diesem Tag im September war das Leid für mich schwarz-weiß und irgendwie auch weit weg. Doch von diesem Tag an konnte ich in Farbe sehen! Das Bild des kleinen Jungen, angespült mit dem Gesicht im Sand liegend, brannte sich in meinen Kopf und in mein Herz. Und wa­ren die Kritiken an der Veröffentlichung des Bildes noch so laut, in mir war dieses Bild und verlor fortan nicht mehr an Kraft.War es falsch, dieses Bild zu zeigen? Wurde der Junge gar extra positioniert, um die­ses wirkungsvolle Foto zu machen? War der Vater selbst ein Schlepper? Wollte der Vater seine Zähne machen lassen und hatte dafür seine Fami­lie im Mittelmeer ertrinken lassen? Ist es heuchlerisch, über dieses eine tote Kind derartig zu trauern, während doch tagtäglich viele andere Kin­der ebenfalls ihr Leben lassen? Das alles waren Fragen, die sich mir bei dem Anblick dieses Bildes nie stellten. Andere hinterfragten und versuch­ten dabei moralisch und ethisch rein zu sein. Doch sie waren es nicht. Betrachtet ein Mensch dieses Bild, ich betone: ein Mensch, so kann es Kurdi wurde 2012 in Syrien geboren. Seine Familie floh im gleichen Jahr vor dem Bürger­krieg in Syrien von Damaskus nach Aleppo. Doch auch dort holte sie der Bürgerkrieg ein, so­dass die Familie weiter nach Kobanê floh. Aylans Vater siedelte in die Türkei über und arbeitete dort zwei Jahre, bis die Bombardierung von Kobanê begann und er seine Familie in die Tür­kei holte. Bemühungen, legal zu Familienmitgliedern nach Kanada zu kommen, schlugen fehl. Die Familie entschied sich, mithilfe von Schleppern die griechische Insel Kos zu erreichen. Zwei Versuche scheiterten. Der letzte Versuch kostete die Familie 8.200 Euro, die sie an die Schlep­per zahlten. Sie wollten das Mittelmeer auf einem Schlepperboot überqueren. Das Boot ver­unglückte. Aylan Kurdi starb am 2. September 2015. Man fand den Leichnam des Jungen am 2. September 2015 an der türkischen Küste in der Nähe Bodrums. Mit ihm starben seine Mut­ter und sein zwei Jahre älterer Bruder. Er wurde am 4. September 2015 in Kobanê beigesetzt.  197