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Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
Entstehung
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Die Wärme von Aleppo und Damaskus in Berlin Dr. Raid Wahiba (aus dem Arabischen von Günther Orth) W enn ich an mein Land Syrien denke, so denke ich in erster Linie an meine Stadt Aleppo, deren Wurzeln 13.000 Jahre zurückreichen und die damit als eine der am längsten durchgängig besiedelten Städte der Welt gilt. Aber diese lange Geschichte hielt die Kriegsparteien nicht davon ab, den größten Teil ihrer Altstadt zu zerstören. Auf der einen Seite wird Aleppo von einem tyrannischen Regime belagert, dem es nur darum geht, zu überleben. Andererseits fehlt es wohl auch vielen Bewohnern Aleppos an Kultur und sie beteiligten sich in ihrem Streben nach Freiheit und Würde paradoxerweise an der Zerstörung ihrer eigenen Stadt. Bevor ich mit nichts als meinen Erinnerungen floh, war ich Dozent an der Privatuniversität al-Mamun Aleppos. Ich lehrte Betriebswirtschaft, das Fach, in dem ich 2012 meinen Doktortitel erwarb. Zuvor hatte ich 2005 an der Kairoer Ain-Shams-Universität einen Master in Finanzanalyse gemacht. Ich hatte verschiedene Jobs, aber Unterrichten war mir immer am liebsten, denn es gab mir das gute Gefühl, junge Menschen auf ih­rem Weg in die Zukunft zu begleiten, und oft war ich auch Zeuge ihres Er­folges. Zudem heißt Unterrichten immer auch Diskutieren und die Suche nach Wissen und Tatsachen. Ich mochte mein Fach auch deswegen, weil ich schon immer der Meinung war, dass Wirtschaft einer der wichtigsten Motoren menschlicher und internationaler Beziehungen ist. Wer die Wirt­schaft versteht, der hat ein tieferes Verständnis für das Leben. Womöglich sind es auch direkte oder indirekte wirtschaftliche Inter­essen, die aus den friedlichen Forderungen der Syrer nach Freiheit und Würde einen Krieg gemacht haben. Wer immer auf syrischer Seite diesen gewinnt, wird zugleich ein Verlierer sein. Seit das Regime auf Demons­294 Kapitel 5 Dr. Raid Wahiba tranten hat schießen lassen und ausländische Mächte intervenieren, be­kämpfen sich in Syrien viele Akteure. Hier werdenRechnungen begli­chen und wirtschaftliche ebenso wie strategische Interessen durchges­ etzt. Aber die Tyrannei des Regimes bleibt die Wurzel allen Übels, denn sie war es, die der Korruption den Weg geebnet und den Extremismus ge­nährt hat, sodass er heute ungehindert ins Land strömt, und sie ist verant­wortlich dafür, dass ausländische Mächte sich einmischen konnten. Es ist falsch zu glauben, dass eine Diktatur Extremismus und Terror verhindert. Vielmehr ist die Beseitigung der Tyrannei nicht nur eine Option, sondern notwendig, um dem Extremismus die Grundlage zu entziehen. Was in Syrien heute passiert, lässt sich nicht getrennt davon betrach­ten, was sich über Jahrzehnte angebahnt hatte. Tyrannei und Korruption führten zu einem Niedergang der Bildung, der Gesundheitsversorgung und von öffentlichen Leistungen. Überdeckt wurde dies alles nur durch die Freundlichkeit der Menschen und ihre Liebe zum Leben. Für die meis­ten Syrer war ihr größter Traum, ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Nach fünf Jahren Krieg und Zerstörung ist es in Syrien heute ein Lu­xus, über bessere Bildung und Dienstleistungen zu sprechen. Angesichts dessen, was die Menschen in Teilen Syriens erleben, wirkt jeder Gedanke an die Zukunft wie Luxus. In Aleppo, ehemals die Wirtschaftshauptstadt des Landes, gibt es kein Trinkwasser mehr, keinen Strom und manchmal nichts zu essen. Wer wollte da noch von staatlichen Leistungen sprechen? Gibt es angesichts dieses Leids überhaupt noch Hoffnung auf Frieden in Syrien? Ganz bestimmt. Denn wer Krieg erlebt hat, der will nur noch Frieden. Es gibt immer eine Chance auf Frieden, denn Frieden ist der Norm­ alzustand und der Ursprung. Und bevor man über Wiederaufbau spricht, muss Frieden geschaffen werden. Ein Marshallplan für Syrien ist vielleicht unrealistisch, denn die dortige Situation ist nicht wie die nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa. Aber ein Aufbauplan für Syrien ist notwendig; nicht nur trägt die internatio­nale Gemeinschaft, die es in fünf Jahren nicht vermocht hat, den Krieg zu stoppen, eine moralische Verantwortung dafür, sondern gemäß Völker­ 295