Ein Stück Heimat in Berlin Hannah Newbery Mein Artikel konzentriert sich auf meine Erfahrung mit syrischen Geflüchteten und soll nicht als allgemeingültig für Geflüchtete aus anderen Ländern gelesen werden. Ursprünglich hatte ich vor, drei meiner syrischen Bekannten, alle mit unterschiedlichem Hintergrund, zu interviewen und über sie zu schreiben. Stattdessen bat ich sie, selber über ihre Erfahrungen, ihr Verständnis von Heimat und der Flüchtlingskrise zu schreiben. In diesem Kapitel finden Sie ihre Beiträge. A m 25. Februar 2016 habe ich meine Recherche zu diesem Artikel begonnen. Auf meinem Bildschirm taucht eine Newsmeldung auf: Das Asylpaket II ist gerade verabschiedet worden. Familiennachzug muss nun zwei Jahre warten – auch die Familien der schon in Deutschland lebenden Minderjährigen. Ich denke an diese jungen Menschen, gestrandet in einem fremden Land, die Angst um ihre Eltern. Ich denke auch an meine syrische Freundin Maya, die ihre Mutter nicht nachbringen kann, dafür war sie doch vorausgereist. Es ist März 2016. Die EU und die Türkei beschließen, alle Migranten, die irregulär in Griechenland ankommen, sollen in die Türkei zurückgeschickt und für jeden von ihnen soll ein Syrer auf legalem Weg in die EU gebracht werden. Ein paar Tage lang dominiert die Diskussion über diesen Beschluss die Nachrichten, der Fokus liegt bei den Geflüchteten. Dann passieren die Bombenanschläge in Ankara, in Istanbul und dann – Brüssel. Die Welt ist erschüttert. Der Fokus gilt wieder nur„uns“ und dem Krieg gegen den Terror, dazwischen mahnende, moralische Anschuldigungen:„He, Westeuropäer, wo bleibt dein Mitleid für die Türkei auf Facebook? Das sind auch Menschenopfer, nur mehr.“ Wenn man auf Google„terrorist incidents 2016“ eintippt, findet man eine Liste auf Wikipedia: An fast jedem Tag im Januar, Februar und März 2016 gab 298 Kapitel 5 Hannah Newbery es terroristische Bombenattentate, Suizide, Exekutionen, Schießereien in Israel, Irak, Afghanistan, Somalia, Frankreich, Somalia, Indien, Irak, Israel, Afghanistan, Pakistan, Nigeria, Libyen, Jemen, Türkei … Es ist der 1. April. Total incidents: 0 – noch. Einige meiner syrischen Freunde sagten schon nach den Anschlägen in Paris: Mitgefühl für Europa hätten sie natürlich, die Europäer seien noch nicht gewohnt an solche direkten Angriffe auf ihren Alltag, ihren Lebensstil. In Syrien seien aber Angriffe ihr Alltag. Ich soll über Heimat schreiben. Bei der momentanen Nachrichtenlage macht es mich traurig, über dieses Thema nachzudenken. Denn oft haben die neuesten Nachrichten zur Folge, dass abermals Tausende Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Ich hege die naive Hoffnung, dass bald Nachrichten von Rückkehr und Wiederaufbau die Zeitungsspalten füllen werden. Unsere gemeinsamen Tage – das Heute – meinen, dass wir uns einander zugehörig fühlen oder fühlen sollten in„diesen Zeiten“. Dass ein ganzes Land, bis in die hintersten Täler, sich eines Themas derart annimmt, ist etwas Außerordentliches. Die Aufmerksamkeit so vieler Menschen auf ein Thema gerichtet zu haben ist mobilisierend, aber auch gefährlich und polarisierend. Wir erleben viel Offenheit, aber auch zu viel Fremdenfeindlichkeit. Die Stimmen der Angstbürger rufen oft lauter als die der freiwilligen Helfer, die mit der übergroßen Aufgabe beschäftigt sind, Geflüchteten etwas Hilfe, etwas Schutz zu bieten. Die Aufgabe, vor der Deutschland steht, von der niemand weiß, ob sie je gelöst werden kann, hat unser Land in eine Art Schockstarre versetzt. Ohne die vielen freiwilligen Helfer, die täglich Unschätzbares leisten, indem sie in die oft una bhängig verwalteten Notunterkünfte Essen, Kleider, Hygienea rtikel, Medikamente bringen, Kinderhorte und Frauenräume einrichten, Bedarfslisten auf Googledocs schreiben, Facebook-Gruppen gründen oder Nachbarschaftscafés eröffnen, wäre die Lage der Hilfsbedürftigen noch desperater. 299
Druckschrift
Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten