Ein Stück Heimat in Berlin Sprache und Kultur. Hannah Arendt hat in ihrem Essay„We Refugees“ aus dem Jahre 1943 in drei wunderbar einfachen Sätzen die Befindlichkeit von geflüchteten Menschen zusammengefasst. Sie sind, so glaube ich, von universeller Gültigkeit: „We lost our home, which means the familiarity of daily life. We lost our occupation, which means the confidence that we are of some use in the world. We lost our language, which means the naturalness of reactions, the simplicity of gestures, the unaffected expression of feelings.“ 1 Den gestrigen Abend, wie so manchen Abend zuvor, habe ich mit meinen syrischen Freunden essend, trinkend und angeregt diskutierend verbracht. Diese Gruppe von Menschen hier in Berlin, denen ich mich so verbunden fühle und von denen ich so viel lerne, mit denen ich lache und traurig bin, die ihre Heimat verlassen mussten, machen Berlin im Augenblick für mich ein Stück mehr zu meiner Heimat. Ich hoffe, ich kann dasselbe für sie tun. Zur Person Hannah Newbery Hannah Newbery, 1990 in Stirling/Vereinigtes Königreich geboren, ist eine englisch-deutsche Redakteurin und Fotografin und wuchs in Schottland sowie der Schweiz auf. Nach dem Studium der Kunstg eschichte und Fotografie in New York arbeitete sie in verschiedenen Redaktionen in New York und Berlin, unter anderem bei der New York Times, Vanity Fair und dem ZEITmagazin. Zurzeit lebt sie in Berlin als freie Autorin, Redakteurin und Übersetzerin und arbeitet an einem Fotoprojekt über syrische Geflüchtete. Ab Oktober 2016 studiert sie Islamwissenschaften an der Freien Universität Berlin Arendt:„We Refugees“, in: Altogether Elsewhere. Writers on Exile. London(Faber and Faber) 1994, S. 110; zu Deutsch:„Wir haben unser Zuhause verloren und damit die Vertrautheit des Alltags. Wir haben unseren Beruf verloren und damit unser Selbstvertrauen, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein. Wir haben unsere Sprache verloren und damit die Natürlichkeit von Reaktionen, die Einfachheit von Gesten, die echten Ausdrücke unserer Gefühle.“ 308 Kapitel 5 Heimat ist, wo man sich selbst findet Kefah Ali Deeb (aus dem Arabischen von Günther Orth) E uropa gehört zweifellos zu den beliebtesten Weltgegenden. Besonders gilt dies für die Bewohner des Nahen Ostens, denen in ihren eigenen Ländern so viel fehlt und die glauben, all dies gäbe es in Europa in Fülle: Freiheit, Menschenrechte, Arbeit. Für mich ist Heimat der Ort, an dem man sich selbst findet und wo man mit sich selbst versöhnt ist. Wo man in den Spiegel blickt und, ohne zu zögern, sagt:„Hier bin ich richtig.“ So gesehen wäre ich am liebsten in Syrien geblieben, denn in Damaskus ist der Spiegel meiner Seele. Ich sage„Damaskus“, obwohl ich dort nicht geboren bin. Ich komme eigentlich aus Latakia, einer Stadt am Mittelmeer. Dort habe ich meine Kindheit und frühe Jugend verbracht, und viele Bilder und Gefühle aus der damaligen Zeit sind mir noch gut in Erinnerung. Als ich mein erstes Buch mit Kindergeschichten schrieb, schöpfte ich dafür aus diesen Erinnerungen an meine schöne Stadt am Meer. Dennoch finde ich den Spiegel meiner Seele eher in der syrischen Hauptstadt, wohin ich mit 25 Jahren gezogen bin. Ich habe dort Kunst studiert und angefangen für Kinder zu schreiben. Ich fand dort zu mir selbst und versöhnte mich mit mir. Aber Damaskus musste ich verlassen, nachdem mich das Assad-Regime viermal hatte verhaften lassen, weil ich in der demokratischen Opposition aktiv war und zivile humanitäre Nothilfe leistete. Als ich Syrien verließ, dachte ich zunächst nicht an Europa. Ich versuchte es in mehreren arabischen Ländern, in Beirut und Dubai, aber nirgends bekam ich eine Aufenthaltserlaubnis. Mir blieb nur noch, Asyl in Deutschland zu suchen. Immerhin hatte ich hier ein paar Freunde, und 309
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Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
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