Egal wo ich bin, meine Mutter ist meine Heimat Maya Hanano (aus dem Englischen von Hannah Newbery) Ü ber die Bedeutung von Heimat denke ich schon seit langer Zeit nach, genauer gesagt, seit ich Aleppo verlassen habe. Als ich noch in Aleppo wohnte, dachte ich nie darüber nach, vielleicht weil ich dachte, Heimat sei der Ort, an dem du wohnst, und die Menschen, mit denen du zusammenlebst, Freunde, deine Familie, die Schulkameraden und so weiter. Aber ich merkte, dass das nicht stimmte, von dem Moment an, als ich im Flugzeug saß: Ich schaute aus dem Fenster auf meine Stadt und hatte das Gefühl, ich verlasse jetzt nicht meine Heimat, ich verlasse nur den Ort, der mir vertraut ist. Obwohl ich im gleichen Augenblick in meinem Innern eine Angst spürte, das erste Mal, dass ich diese Art von Angst hatte. In diesem Augenblick fing die Reise meines Lebens an, es war 2012 und da waren nur meine Mutter und ich: Wir gingen nach Dubai, weil meine Schwester dort wohnt, und wir blieben drei Monate lang dort. Weil wir Syrer sind, gab uns die Regierung von Dubai keine Aufenthaltsbewilligung. Ich durfte nicht einmal die Schule besuchen, um mein Abschlusszeugnis zu bekommen. Deshalb wollten wir nach Ägypten gehen, weil es damals das einzige Land war, in das wir ohne Visum reisen durften! Wir gingen dorthin, wieder nur meine Mutter und ich. Wir hatten dort ein paar Freunde und Verwandte, die uns halfen, aber trotzdem war es furchtbar schwer für uns. Ich ging zur Schule und bekam mein Abschlusszeugnis. Inzwischen kam für mich die Frage, was Heimat ist, wieder auf, aber ich hatte keine Antwort darauf. Ich wollte an der Universität Kairo studieren, und ich wollte meine eigene Zukunft in die Hand nehmen, aber das war überhaupt nicht einfach. 320 Kapitel 5 Maya Hanano Wir wurden mit vielen Problemen konfrontiert, und wir fühlten uns nicht einmal sicher, aber natürlich sagten wir uns, dass das immerhin viel besser sei, als in Syrien in Todesangst zu leben. Das schlimmste Gefühl war, dass wir nicht die Wahl hatten, wo oder wie wir leben wollten, und wir hatten nicht die Wahl zurückzugehen oder zu bleiben, wir konnten überhaupt gar nichts wählen. Wir haben einfach nur einen Tag nach dem anderen gelebt und waren dankbar, dass wir nicht tot waren oder entführt wurden. Das Schlimmste ist, dass alle Syrer das gleiche Gefühl haben! Ich fing an depressiv zu werden und ich wusste, dass ich in Ägypten keine Zukunft habe. Also bewarb ich mich um ein Stipendium in Rumänien, London, Amerika und der Türkei. Alle diese Länder – außer Amerika – gaben mir ein Stipendium, aber das Komische dabei war, dass sie mir in den Botschaften kein Visum gaben, wieder, weil„ich Syrerin bin“. Da hatte ich das Gefühl, dass mir alle Türen verschlossen sind, und ich musste eine Lösung finden, um nicht verrückt zu werden, und so entschloss ich mich, auf illegalem Weg nach Europa zu kommen. Mein Freund Abdullah wollte auch gehen, also dachten wir zusammen darüber nach und erkundigten uns über unsere Möglichkeiten. Ein paar Leute gaben uns Telefonnummern von Schmugglern und wir entschieden uns für einen von ihnen. Ich hatte das Gefühl, ich bin wirklich dumm, denn ich hätte nie gedacht, dass ich auf solch eine Weise mein Leben riskieren würde. Aber wenn du in meiner Lage wärst – überzeugt, dass du ohnehin sterben wirst –, dann gehst du das Risiko ein, ein Boot aufs Meer zu besteigen: Vielleicht stirbst du, oder du überlebst vielleicht und hast eine gute Zukunft in Sicherheit. Was würdest du tun? Ich wollte mich wie ein Mensch fühlen, ich wollte ein gutes Leben mit einer guten Zukunft haben und daran wollte ich arbeiten. Also entschieden wir uns zu reisen, aber das Problem war, dass meine Mutter nicht mit uns kommen konnte. Sie wollte, dass ich vorausgehe und dann die Erlaubnis 321
Druckschrift
Zwischen Kommen und Bleiben : ein gesellschaftlicher Querschnitt zur Flüchtlingspolitik
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten