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Industrie 4.0 und der rheinische kooperative Kapitalismus
Entstehung
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Wolfgang Schroeder DIREKT 03/ 2017 INDUSTRIE 4.0 UND DER RHEINISCHE KOOPERATIVE KAPITALISMUS AUF EINEN BLICK Mit demBündnis für Industrie, derPlattform 4.0 und dem Arbeit 4.0-Prozess revitalisiert die koopera­tive Industrie 4.0 Strategie die deutsche Tradition von korporatistischer Politik zwischen Staat und Verbän­den. Neben dem Ziel einer Verbesserung der Wett­bewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft sollen zum einen wirtschafts-, technik-, bildungs- und ar­beitsmarktorientierte Politikfelder verzahnt werden und zum anderen Staat, Gewerkschaften, Unterneh­merverbände und Wissenschaft verstärkt miteinan­der kooperieren. In Deutschland wird seit 2011 eine kooperative Digitalisie­rungsstrategie verfolgt, die unter dem Label Industrie 4.0 kommuniziert wird. Diese Strategie, von staatlichen und ver­bandlichen Akteuren gemeinsam entwickelt, sieht vor die deutsche Industrie als Rückgrat und Anker der deutschen Wirtschaft weiter zu entwickeln. Die deutsche Vorgehensweise ist eine Alternative sowohl zum marktbasierten US Silicon­Valley-Modell als auch zur chinesischen staatszentrierten Top-Down-Strategie. Während im internationalen Kontext die fortschreitende Digitalisierung vornehmlich in den Dienstleis­tungs- und Wissensbranchen verortet wird, schlägt Deutsch­land einen eigenen Weg ein, indem sich die Debatte stark auf die Industrie konzentriert und eine korporatistische Ak­teursstrategie besitzt. Dabei sind bereits jetzt zwei Aspekte zu berücksichtigen: Erstens orientieren sich mittlerweile eine Reihe von Ländern, die früher ihrHeil in Dienstleistungen und Wissensproduktion suchten, an der deutschen Industrie 4.0 Strategie. Zweitens geht es um eine zunehmende Ver­zahnung von Wertschöpfungsprozessen über Branchen- und Sektorengrenzen hinaus, womit die Unterscheidung zwischen Branchen ebenso wie jene zwischen Dienstleistung und In­dustrie an Relevanz verliert(BITKOM/Fraunhofer IAO 2014; Bertschek et al. 2015). Offensichtlich ist, dass die deutsche Industrie 4.0-Debatte aus der Defensive geboren wurde. Vor allem die strukturelle Wettbewerbsschwäche der deutschen Wirtschaft im IKT-Be­reich gegenüber den amerikanischen und führenden asiati­schen Wettbewerbern ist hierbei zu erwähnen. Um aus die­ser Defensive herauszukommen, setzt die deutsche Industrie 4.0-Strategie auf ihre eigenen traditionellen Stärken. Diese liegen einerseits im ingenieurtechnischen Bereich sowie auf diversifizierter Qualitätsproduktion und andererseits in einem auf Kooperation angelegten politisch-ökonomischen System, das Staat, Unternehmen, Wissenschaft und Verbände eng auf­einander bezieht. Das koordinierte Vorgehen verschiedener Akteure ist wichtig, um die technisch-ökonomische Fixierung von Industrie 4.0 aufzubrechen und die sozialen und gesell­schaftlichen Chancen dieser Strategie zu realisieren. Dabei bildet die Revitalisierung korporatistischer Mentalitäten und Strukturen die Basis für eine breite gesellschaftliche Akzep­tanz und Legitimation, um diese Ziele offensiver angehen zu können. Kurzum: Eine wie auch immer geartete Digitalisie­rungsstrategie hat keine Chance, wenn sie die sozialen und regionalen Ungleichheiten erhöht und die Spaltung der Gesell­schaft weiter vorantreibt. WANDLUNGSPROZESSE DER DEUTSCHEN WIRTSCHAFT Dass der Begriff Industrie 4.0 gerade in Deutschland so virul­ent ist, liegt insbesondere in der tradierten, symbolischen Rolle der Industrie für die deutsche Wirtschaftsstruktur. Sie wird als Schlüssel für die strategischen Zukunftsdebatten der deut­schen Wirtschaft betrachtet. Lange Zeit hat die Rede von der postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft(Bell 1973) die Debatten in den OECD-Ländern dominiert. Parallel dazu fand in klassischen Industrieländern wie Frankreich, Großbritannien und den USA in den letzten 25 Jahren eine drastische Redu­zierung der industriellen Kapazitäten statt(Abb. 1). >