Michael Dauderstädt und Cem Keltek DIREKT 06/ 2017 EUROPAS UNGLEICHHEIT: RELATIV STABIL, ABSOLUT BEUNRUHIGEND AUF EINEN BLICK Die Einkommensungleichheit in der Europäischen Union(EU) hat sich seit einigen Jahren kaum verändert. Weder Verbesserungen wie vor 2009 noch größere Verschlechterungen waren zu beobachten. Allerdings gilt dieser Befund nur für die relative Ungleichheit, die das Einkommen der reicheren Menschen, Regionen und Länder als Vielfaches der ärmeren angibt. Betrachtet man dagegen die absoluten Abstände zwischen den höchsten und niedrigsten Einkommen, so ist eine beunruhigende Zunahme der Ungleichheit in Europa zu beobachten. Einkommensungleichheit scheint bei oberflächlicher Betrachtung ein einfaches Konzept zu sein. Es gibt eine breite Skala, die von hohen über mittlere bis zu niedrigen Einkommen reicht. Aber wie misst man ihre Ungleichheit? In der volkswirtschaftlichen Statistik und Theorie benutzt man verschiedene Maße wie den Gini-Koeffizienten 1 , die Standardabweichung oder das Quintilverhältnis S80/S20 2 . Aussagekräftig ist auch das Verhältnis oder der Abstand zwischen dem höchsten und niedrigsten Einkommen. Nehmen diese Indikatoren ab, spricht man von Konvergenz, ansonsten von Divergenz. Die Ökonomik unterscheidet dabei zwischen Sigma-Konvergenz, wenn die Streuung der Einkommen abnimmt, und Beta-Konvergenz, wenn die niedrigeren Einkommen schneller wachsen als die höheren Einkommen(Dauderstädt 2016, 2014; Goecke 2013). Und was versteht man unter Einkommen? Bei Ländern ist das in der Regel das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Bei Haushalten werden zwei Formen unterschieden: Die Markteinkommen und die verfügbaren Einkommen, wobei sich die letzteren aus den ersteren durch Abzug der Steuern und Zurechnung von Transferleistungen wie z. B. Renten ergeben. Hier betrachten wir die verfügbaren Einkommen auf der Basis von EU-SILC-Daten 3 des Statistischen Amts der Europäischen Union(Eurostat). „MEHREBENEN“-UNGLEICHHEIT IN EUROPA Für eine aus 28 Ländern bestehende Volkswirtschaft wie die EU stellt sich die Ungleichheit noch komplexer dar. Man muss die Verteilung auf zwei Ebenen, innerhalb und zwischen Ländern, sowie ihre Entwicklung untersuchen. Dazu wenden wir seit inzwischen zehn Jahren eine Methode an, die es erlaubt, beide Ebenen gleichzeitig zu erfassen. Die vorliegende Analyse nutzt die neuesten Daten für das Jahr 2015. Wir greifen auf die von Eurostat gelieferten Durchschnittseinkommen aller Quintile(also je ein Fünftel der jeweiligen Einwohner_innen) aller 28 Mitgliedstaaten zurück(siehe Tabelle 1). Auf deren Basis konstruieren wir die EU-Quintile(mit jeweils ca. 100 Millionen Personen) und können so das Quintilverhältnis S80/ S20 für die gesamte EU berechnen(die roten und grauen Flächen in Tabelle 1). Da Einkommen im internationalen Vergleich wegen unterschiedlicher Entwicklung von Preisniveau und Wechselkurs eine unterschiedliche Kaufkraft haben, greifen wir sowohl auf die Werte in Euro zu Wechselkursen(linke Tabellenseite) als auch in Kaufkraftstärken(KKS; rechte Tabellenseite) zurück. In KKS gemessen ist die Ungleichheit niedriger, da die Kaufkraft in ärmeren Ländern höher ist. >
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