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Zukunftsbranche soziale Dienstleistungen - höchste Zeit für die Aufwertung!
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Impulse für gerechte Verhältnisse in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft #04 APRIL 2017 ZUKUNFTSBRANCHE SOZIALE DIENSTLEISTUNGEN HÖCHSTE ZEIT FÜR DIE AUFWERTUNG! Die Sorgearbeit steckt in einer Krise, die sowohl eine zeitpolitische Antwort erfordert als auch den Ausbau einer qualitativ guten sozialen Infrastruktur. Gute professionelle Sorgearbeit braucht gute Arbeitsbedingungen und eine Orientierung an den Bedürfnissen der Menschen. Hierfür bedarf es einer Aufwertung der personenbezogenen sozialen Dienstleistungen, sowohl gesellschaftlich als auch monetär. Es wäre ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Ge­schlechtergerechtigkeit und dafür, dem zunehmenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Doch wie kann eine Aufwertung gelingen? Welche Maßnahmen sind erforderlich? Eine entscheidende Frage auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten, inklusiven und menschenwür­digen Gesellschaft lautet: Wie organisiert diese Gesellschaft ihre Care-Arbeit? Als Care-Arbeit oder auch Sorgearbeit werden in einem umfassenden Sinne Sorgetätigkeiten für andere bezeichnet, wie Betreuen, Pflegen, Erziehen, Versorgen und Zuwenden, aber auch Formen der Selbstsorge. Sorgearbeit ist eine der zentralen gesellschaftlichen Aufgaben; zudem und das wird von den Wirtschaftswissenschaften vielmals ignoriert stellt sie das Fundament dar, auf dem Erwerbsarbeit überhaupt erst möglich ist(ein Umstand, auf den insbesondere feministische Ökonom_innen hinweisen). Zugleich prägt sie aber auch entscheidend die sozialen Bindungen, die den Zusammenhalt einer Gesellschaft ausmachen. Immer häufiger ist mit Blick auf moderne Gesellschaften jedoch von einerCare-Krise die Rede(so u. a. Nancy Fraser). DIE AUTOR_INNEN: Jonathan Menge arbeitet für die Friedrich-Ebert-Stif­tung im Bereich Familien­und Geschlechterpolitik; Christina Schildmann lei­tet das wiss. Sekretariat der KommissionArbeit der Zukunft der Hans-Boeckler­Stiftung; Severin Schmidt ist Referent für Sozialpoli­tik in der Friedrich-Ebert­Stiftung Dass heute von einerCare-Krise gesprochen wird, hängt damit zusammen, dass 1. die Arbeitsmarkt­integration von Frauen stark vorangeschritten ist, aber 2. eine qualitativ gute soziale Infrastruktur noch nicht ausreichend(bzw. regional sehr unterschiedlich) zur Verfügung steht und 3. die Neuverteilung von Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern extrem schleppend vorangeht(obwohl sie von vielen Paaren gewünscht wird). Der Zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung beziffert den Gender Care Gap in Deutschland auf 52 Prozent: Frauen leisten täglich um die Hälfte mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Bei Paaren mit Kindern steigt der Wert sogar auf mehr als 80 Prozent. Zudem wird der Arbeits­begriff wesentlich mit männlicher Erwerbsarbeit verknüpft, Sorgearbeit wird oftmals nicht alsArbeit anerkannt. Das alles hat zwei Folgen, die beide Teil der Care-Krise sind. Erstens: Insbesondere Frauen(aber auch Männer) sehen sich immer noch vor die Entscheidung zwischen Beruf und Familie gestellt; die Ent­scheidung für ein Kind ist für Frauen keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern ist für viele ein großes und mit Sorgen verbundenes Wagnis. Zweitens: Die Sorgeberufe(oder auch SAHGE-Berufe: Soziale Arbeit, Haushaltsnahe Dienstleistungen, Gesundheit und Pflege, Erziehung) galten, ihren Ursprüngen geschuldet, lange Zeit alsHalbberufe, zu denen Frauen aufgrund ihres Geschlechts(und nicht aufgrund einer Ausbildung) befähigt sind. DerSorge-Arbeitsmarkt ist immer noch von diesen Spuren gezeichnet(s. u.). Wurden die genannten Sorgetätigkeiten früher im Wesentlichen im Privaten(von Frauen) verrichtet und blieben damit gesellschaftlich unsichtbar, hat seit den 1970er Jahren eine De-Familialisierung der Sorgearbeit eingesetzt. Dies hat zwar keineswegs dazu geführt, dass familiäre Sorgearbeit komplett substituiert wurde was ohnehin nicht wünschenswert wäre, aber ein wachsender Anteil von Sor­gearbeit wird professionell geleistet. Allerdings gilt immer noch: Große Teile der Sorgearbeit werden im Privaten von Frauen geleistet(gerade in Familien mit Kindern, aber auch in der Pflege: 70 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt, zwei Drittel von ihnen von Angehörigen, davon wiederum sind zwei Drittel Frauen). Frauen arbeiten häufig in Teilzeit, um diese Aufgaben zu überneh­men ein wesentlicher Faktor beim Zustandekommen der Einkommenslücke zwischen den Geschlechtern (Gender Pay Gap). In jedem Fall gilt: Die Verteilung der Care-Arbeit ist mitentscheidend für die ökono­mische und gesellschaftliche Gleichstellung der Geschlechter.