Andrä Gärber, Markus Schreyer WISO ARGUMENTE 03/ 2017 ZU KURZ GEDACHT! „AUS DER KRISE SPAREN WIE DIE SCHWABEN“ Wer glaubt, dass sich der Staat aus einer schweren Finanz- und Wirtschaftskrise heraussparen und so seine Staatsdefizite bzw. Staatsverschuldung verringern kann, der irrt. Vielmehr gilt: Erst mit der Rückkehr auf einen stärkeren und nachhaltigeren Wachstumspfad wird auch eine nachhaltige Haushaltskonsolidierung gelingen. In der öffentlichen Diskussion wird immer wieder behauptet, Staatsdefizite und Staatsverschuldung seien schlecht für das Wirtschaftswachstum. Spar- bzw. Austeritätspolitik würde dagegen das Vertrauen auf Seiten der privaten Akteure in die wirtschaftliche Zukunft stärken und sie veranlassen, mehr zu konsumieren und zu investieren. Der Staat solle daher maßhalten, den Gürtel enger schnallen und den unverantwortlich hohen Schuldenberg, der die zukünftigen Generationen belasten würde, abbauen. Er solle sich ein Vorbild an der„schwäbischen Hausfrau“ nehmen, die nicht mehr ausgeben würde, als sie einnimmt. Nur so könne die schwere Finanz- und Wirtschaftskrise in der Eurozone überwunden werden und eine Konsolidierung des Staatshaushaltes gelingen. Hält diese Argumentation einer genaueren Betrachtung wirklich stand? GESAMTWIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENHÄNGE BESTIMMEN DAS BUDGETDEFIZIT Schulden werden gemeinhin als etwas ungemein Negatives angesehen. Das Sparen genießt dagegen einen überaus guten Ruf. Wer spart, der handelt verantwortungsbewusst und sorgt für die Zukunft vor. Dieses Denken ist aus einzelwirtschaftlicher Sicht absolut verständlich und nachvollziehbar. Wenn ein einzelner privater Haushalt versucht zu sparen, dann dürfte das auch gelingen, da von seinem Sparverhalten aufgrund seiner geringen Größe keine negativen Wirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung zu erwarten sind. Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene liegen die Dinge hinsichtlich des Sparens jedoch anders. Denn versuchen viele(alle) Akteure einer Volkswirtschaft, zeitgleich zu sparen, dann führt der gesamtwirtschaftliche Nachfrageausfall zu einer geringeren Produktion und Beschäftigung und damit letztlich auch zu einer geringeren gesamtwirtschaftlichen Ersparnisbildung, da auch das Volkseinkommen sinkt. Die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge werden klarer, wenn man erkennt, dass man durch Sparen die Verschuldung nur dann verringern bzw. das Geldvermögen erhöhen kann, wenn andere Akteure bereit sind, weniger zu sparen bzw. sich stärker zu verschulden. Denn jeder Forderung steht immer irgendwo eine Verbindlichkeit in gleicher Höhe gegenüber. Gliedert man die Volkswirtschaft grob in die vier großen makroökonomischen Sektoren private Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland, dann addieren sich deren Finanzierungssalden(die Summe aller finanziellen Forderungen und Verbindlichkeiten) daher immer zu Null. Den Überschüssen der einen Sektoren stehen stets entsprechende Defizite der anderen Sektoren gegenüber. Soll das Finanzierungsdefizit des Staates verringert werden, dann kann dies folglich nur gelingen, wenn die privaten Haushalte, die Unternehmen und/oder das Ausland ihre Verschuldung insgesamt erhöhen bzw. ihre Ersparnisse abbauen und mehr konsumieren bzw. investieren. Erfolgt Letzteres jedoch nicht, dann führt eine restriktive Fiskalpolitik nicht zuletzt aufgrund der Größe des Staates(die Staatsquoten liegen zumeist zwischen 30 und 50 Prozent) infolge der sinkenden gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zwangsläufig zu einem Wirtschaftsabschwung, wodurch auch die beabsichtigte Budgetkonsolidierung misslingt. Damit wird klar: Eine erfolgreiche Rückführung der Staatsdefizite bzw. der Staatsverschuldung kann – anders als bei der„schwäbischen Hausfrau“ – nur gelingen, wenn es die gesamtwirtschaftliche Lage erlaubt. PROGNOSTIZIERTE EFFEKTE DER AUSTERITÄTSPOLITIK SIND NICHT EINGETRETEN In den letzten Jahren haben einige Ökonom_innen immer wieder behauptet, dass eine möglichst rasche, einschneidende und vorwiegend ausgabenseitige Reduzierung der Staatsdefizite und Staatsverschuldungen in Europa(Stichwort: FrontLoading) gelingen würde, da dadurch das Vertrauen auf Seiten der privaten Akteure in die weitere wirtschaftliche Entwicklung gestärkt würde. Die privaten Haushalte würden in Zukunft eine geringere Steuerbelastung erwarten und daher bereits heute mehr konsumieren, während die Unternehmen im Zuge sinkender Zinsen mehr investieren würden(Crowding-in-Effekt). Diese positiven indirekten Vertrauens- bzw. Wachstumseffekte der Spar- bzw. Austeritätspolitik würden den mit niedrigeren Staatsausgaben verbundenen direkten Nachfrageausfall kompensieren oder sogar überkompensieren, so dass die Konsolidierung der Staatsfinanzen problemlos erfolgen könne. Diese Prognosen und die ihnen zugrunde liegenden Theorien(z. B. Theorie rationaler Erwartungen, Markteffizienztheorie etc.) haben sich jedoch durch die empirische Entwicklung in den letzten Jahren als falsch erwiesen. Parallel zur Sparbzw. Austeritätspolitik haben die Unternehmen trotz sinkender Zinsen und Strukturreformen(Deregulierung, Liberalisierung, Privatisierung) deutlich weniger investiert und die privaten Haushalte weniger konsumiert. Die prognostizierten Verhaltensänderungen, die notwendig gewesen wären, um die kontraktiven Wirkungen der Spar- bzw. Austeritätspolitik zu kompensieren oder gar überzukompensieren, haben sich folglich nicht materialisiert. Von kurzfristig wirkenden positiven Vertrauens- bzw. Wachstumseffekten der Spar- bzw. Austeritätspolitik kann also keine Rede sein. >
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