Wolfgang Schroeder, Samuel Greef, Oliver D’Antonio, Benedikt Schreiter, Lukas Kiepe 18/ 2017 ZWISCHEN REICHTUM UND PREKARIAT Welchen Wohlfahrtsstaat brauchen Künstler_innen? AUF EINEN BLICK Mit der Künstlersozialkasse existiert in Deutschland ein internationales Vorreitermodell für eine gesetzlich verankerte soziale Absicherung von Künstler_ innen. In der Praxis zeigen sich jedoch deutliche Defizite sowohl im Niveau der Absicherung als auch bei der breiten Erfassung der Kulturschaffenden. Aufgrund der prekären Lage vieler Künstler_innen gibt es daher einen erheblichen Reformbedarf. Die Forderung nach einem Grundeinkommen ist aber nicht die richtige und durchsetzbare Lösung. (1) Der Bereich Kunst und Kultur wächst in vielfältiger Weise. Seine ökonomische und arbeitsmarktbezogene Relevanz steigt. Daher stellt sich die Frage nach der sozialen Lage der dort Arbeitenden und wie ihre Existenz abgesichert werden kann. (2) Die auf Projektarbeit, Werkverträgen und teilautonomer Arbeit basierende Tätigkeitsform der kreativen Klasse bewegt sich in andere Wirtschaftssektoren hinein. Sie ist nicht mehr peripher, sondern tendenziell allgegenwärtig. Die hohe Attraktivität autonomer Arbeitsbezüge steht dabei in einem Spannungsverhältnis zur finanziellen Abhängigkeit von anderen Einnahmequellen. 1. EINLEITUNG Seit Jahren erleben wir ein rapides Wachstum des Kultursektors. Die Arbeit im Bereich Kunst und Kultur ist für ein bis zwei Millionen Erwerbstätige beruflicher Alltag(Statistisches Bundesamt 2015). Die Kultur- und Kreativwirtschaft erreichte 2015 eine Bruttowertschöpfung von 65,5 Milliarden Euro, ein Zuwachs von fast zehn Prozent innerhalb von fünf Jahren. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt(BIP) betrug 2,16 Prozent (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2016: 5). Dies entspricht in etwa dem BIP Brandenburgs. Aus dieser Perspektive erscheint eine Reflexion über die gesellschaftliche Bedeutung dieses Sektors, insbesondere im Hinblick auf die dort geleistete Arbeit und damit einhergehenden sozialen Lebenslagen, angebracht. Einerseits verspricht diese Arbeit Autonomie und Kreativität, andererseits ist sie vielfach prekär. Im Vergleich zu anderen prekär Beschäftigten sind Kulturschaffende jedoch nicht gesellschaftlich randständig oder sozial ausgegrenzt. Die Betrachtung des Themas erfolgt in dem Bewusstsein, dass mit der Künstlersozialkasse(KSK) bereits in den 1980erJahren ein im internationalen Vergleich innovatives Vorreitermodell zur sozialen Absicherung etabliert wurde. Trotz dieser Innovation stellt sich die soziale Lage in der Breite als problematisch und herausfordernd für die Gesellschafts- und Sozialpolitik dar. Drei Ursachen lassen sich anführen: (3) Künstler_innen entwickeln sich zur lautstärksten Unterstützergruppe für ein Grundeinkommen. Ein wesentlicher Charme dieser Absicherungsform liegt für sie in einer bürokratiefernen Inanspruchnahme der Mittel. Dieses Papier rückt die soziale Lage der Kulturschaffenden und ihre soziale Absicherungsproblematik vor dem Hintergrund der hohen gesellschaftlichen Bedeutung von Kultur ins Zentrum. Dabei wird der Handlungsbedarf auf Basis der sozialen Lage von Kunstschaffenden näher betrachtet, bestehende Institutionen analysiert und ein Grundeinkommen als Alternative diskutiert. 2. SOZIALE ABSICHERUNG DURCH DIE KÜNSTLERSOZIALKASSE Bis in die 1980er-Jahre war für freiberufliche Künstler_innen nur eine freiwillige Absicherung gegen soziale Risiken sowie für die Nacherwerbsphase vorgesehen. Mit dem zum 1.1.1983 in Kraft getretenen Künstlersozialversicherungsgesetz(KSVG) >
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Zwischen Reichtum und Prekariat : welchen Wohlfahrtsstaat brauchen Künstler_innen?
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