Stephan Schulmeister DIREKT 02/ 2021 EUROPA BRAUCHT DIE FINANZTRANSAKTIONSSTEUER – GERADE JETZT AUF EINEN BLICK Aus zwei Gründen ist die Einführung einer Finanztransaktionssteuer dringender denn je. Erstens benötigt die EU Eigenmittel, insbesondere zur Finanzierung des Aufbaufonds„Next Generation EU“. Zweitens hat Finanzspekulation in jüngster Zeit an Bedeutung gewonnen. Dies zeigt sich am – angesichts des Wirtschaftseinbruchs fast grotesken – Anstieg der Aktienkurse, am Boom der Digitalwährungen, aber auch an der Instabilität der Kosten von CO 2 -Emissionen, insbesondere der Preise von Erdöl sowie der CO 2 -Zertifikate, die die Erträge von Investitionen in die Emissionsvermeidung unkalkulierbar macht. EIN SCHRITT AUF DEM WEG ZU EINER ÖKOLOGISCH-SOZIALEN MARKTWIRTSCHAFT In seiner Krisensitzung vom Juli 2020 verwies der Europäische Rat auf die Notwendigkeit von EU-Eigenmitteln zur Finanzierung des neuen Aufbauinstruments„Next Generation EU“. Eine Option sei eine Finanztransaktionssteuer(FTS). Wichtiger als ihr fiskalischer Ertrag ist allerdings: Eine europäische FTS würde strukturelle Ursachen der sich seit den 1970er Jahren vertiefenden Krise bekämpfen, insbesondere die Dominanz der Finanz- über die Realwirtschaft. Sie wäre ein Signal für einen Kurswechsel von einem(finanzkapitalistischen) System des „Lassen wir unser Geld arbeiten“ zu einem(realkapitalistischen) System, das sich am Grundsatz orientiert:„Arbeiten wir selber – als Arbeitnehmer_in und Unternehmer_in – an der Bewältigung der anstehenden Probleme zur Verbesserung des sozialen Zusammenhalts und der natürlichen Umwelt!“ Hier wird zunächst der systemische Charakter der gegenwärtigen finanzkapitalistischen Krise skizziert. Daran anschließend wird gezeigt, wie eine FTS eine essenzielle Komponente des Finanzkapitalismus mildern würde, und zwar die Instabilität der für die Realwirtschaft wichtigsten Preise wie Wechselkurse, Rohstoffpreise, Zinssätze und Aktienkurse. Dadurch würde auch die Bekämpfung des Klimawandels erleichtert. Denn diese wird durch die Schwankungen der Preise fossiler Energieträger sowie der CO 2 -Emissionsrechte massiv beeinträchtigt, da diese Schwankungen die Kalkulation des Ertrags von Investitionen zur CO 2 -Reduktion faktisch unmöglich machen. Abschließend wird das Ertragspotenzial einer EUweiten FTS skizziert. VON REALKAPITALISTISCHER PROSPERITÄT IN DIE FINANZKAPITALISTISCHE KRISE Bis Anfang der 1970er Jahre konnte sich die kapitalistische „Kernenergie“, das Profitstreben, nur in der Realwirtschaft entfalten: Bei festen Wechselkursen, insbesondere des USDollars als Weltwährung,(daher) stabilen Rohstoffpreisen, Zinssätzen unter der Wachstumsrate und„schlafenden“ Aktienbörsen war durch Finanzspekulation nichts zu holen. Mit den Realinvestitionen boomte die Gesamtwirtschaft, schon 1960 war Vollbeschäftigung erreicht. Die Unternehmen finanzierten ihre Investitionen teilweise durch Kredite, ihre Defizite waren etwa so hoch wie die Überschüsse(Sparen) der privaten Haushalte. Unter diesen Bedingungen hatte der Staat einen ausgeglichenen Haushalt(die Summe der Salden aller volkswirtschaftlichen Sektoren ist null), bei Zinsen unter der Wachstumsrate ging die Staatsschuldenquote 20 Jahre lang zurück. Der Übergang vom Real- zum Finanzkapitalismus begann mit der Aufgabe des Systems fester Wechselkurse durch die USA 1971. Innerhalb von zwei Jahren verlor der US-Dollar 25 Prozent an Wert. Darauf reagierten die Ölexporteure 1973 >
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