Februar 2022 Impulspapier des Landesbüros NRW der Friedrich-Ebert-Stiftung Cornelius Markert Eine neue Normalarbeitszeit? Arbeitszeitverkürzung, Flexibilisierung und ein neues Verständnis der ‚Normalarbeit‘ Die Corona-Pandemie hat der Diskussion um die Arbeitszeit der Zukunft einen neuen Schub verliehen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wünschen sich mehr Flexibilität in ihrem Erwerbsverlauf und eine bessere Vereinbarkeit von Privatleben, Ehrenamt und Beruf. Ein neues Verständnis von ,Normalarbeit‘ als gut bezahlte Vollarbeitszeit in Richtung einer 4-Tage- bzw. 32-Stunden-Woche bietet die Chance einer Transformation hin zu einer Arbeitsgesellschaft zum Wohle der Menschen. Die Diskussion knüpft an den langen Trend der Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit an, die Sozialdemokratie und Gewerkschaften in den letzten 150 Jahren erkämpft haben. Allerdings spielte die Arbeitszeitverkürzung, obwohl traditionell eines der zentralen Themen der Arbeiterbewegung, in den letzten drei Jahrzehnten weder im öffentlichen Diskurs noch in den meisten tariflichen Auseinandersetzungen eine größere Rolle angesichts der Auflösungstendenzen des ,Normalarbeitsverhältnisses‘ mit der Entstehung und Ausweitung des prekären Sektors auf dem Arbeitsmarkt; 30 Prozent der Frauen und 17 Prozent der Männer in Nordrhein-Westfalen arbeiten im Niedriglohnbereich(DGB NRW 2020: 11) – und damit ohne realistische Option auf eine Verkürzung der Arbeitszeit. Durch die Pandemie ist die öffentliche Wahrnehmung der Überlastungssituation in vielen Berufen gestiegen, insbesondere in der Pflege, wo der„Pflexit“ im inzwischen zweiten Corona-Winter die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems vielerorts an Grenzen bringt und die Belastungssituation der Beschäftigten weiter verschärft. Bereits vor der Pandemie fehlten in den Pflegeberufen Fachkräfte, die Fluktuation war und Dr. Cornelius Markert ist Geschäftsführer des Instituts für die Geschichte und Zukunft der Arbeit (IGZA). Die Arbeitsschwerpunkte des promovierten Ökonoms liegen im Bereich Produktivität und Gute Arbeit, mit einem besonderen Augenmerk auf langfristige Entwicklungen. ist hoch. Eine wesentliche Forderung zur nachhaltigen Verbesserung der Arbeitsbedingungen ist die Verkürzung der Arbeitszeit, mit dem Ziel einer 35-Stunden-Woche, u. a. aufgegriffen im Antrag der SPD-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen für eine bessere Gesundheits- und Pflegeversorgung oder von Annalena Baerbock im Bundestagswahlkampf 2021. Auf die tarifpolitische Agenda ist die Verkürzung der Arbeitszeit durch die Initiative der IG Metall, das Thema in die Tarifverhandlungen 2018 mit aufzunehmen, bereits vor Beginn der Pandemie zurückgekehrt. In einigen Tarifverträgen wurde eine Verkürzungsoption als Alternative zur Erhöhung des Lohns vereinbart, begleitet von einer öffentlichen Debatte um Länge und Flexibilität von Arbeitszeiten(HBS 2019, Seifert 2019, Hofmann et al. 2019, Lesch 2019). Die Diskussion um eine Verkürzung der Arbeitszeit findet in einem schwierigen Umfeld statt. Kurzfristig sind die CoronaPandemie und ihre Folgen zu bewältigen und in den nächsten Jahren steht die Arbeitswelt insgesamt vor einem gewaltigen Wandel, sowohl demografisch als auch durch Digitalisierung und die sozial-ökologische Transformation. Der nordrheinwestfälische Arbeitsmarkt der nächsten 15 Jahre ist geprägt von einer Gleichzeitigkeit von Fachkräftemangel in einigen Sektoren – z. B. in den Gesundheits- und Erziehungsberufen oder in der öffentlichen Verwaltung – und drohendem Arbeitskräfteüberangebot in anderen – z. B. bei Verkehrs- und Logistik- oder Verkaufsberufen(IAB 2020). Als Maßnahme zur Bewältigung der Corona-Folgen und zur Stabilisierung des Rentensystems bringen die Arbeitgeber eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit, mehr Vollzeit statt Teilzeit, eine Reduzierung des Urlaubs und eine längere Lebensarbeitszeit durch späteren Renteneintritt ins Gespräch(Pimperz/ Schüler 2021, Grömling et al. 2021). Landesbüro NRW
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Eine neue Normalarbeitszeit? : Arbeitszeitverkürzung, Flexibilisierung und ein neues Verständnis der 'Normalarbeit'
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