FES PARIS MACRONS SOZIALPOLITIK Eine Bilanz seiner ersten Amtsperiode Clément Carbonnier, Bruno Palier Juni 2022 Obwohl die fünf Jahre der ersten Amtsperiode von Emmanuel Macron stark durch die Corona-Pandemie beeinflusst worden sind, stimmen die von ihm 2017 angekündigten sozialpolitischen Maßnahmen in hohem Maße mit den schließlich durchgeführten Reformen überein. Die Sozialdoktrin des – damals noch – Präsidentschaftskandidaten war inspiriert vom Sozialliberalismus Tony Blairs und Gerhard Schröders. Das Wahlprogramm präsentierte sich in seinen sozialpolitischen Teilen als Versuch, jedem Einzelnen durch Aktivierungs- und Bildungsmaßnahmen sowie durch eine starke Betonung auf Chancengleichheit und Meritokratie auf dem Weg zu seiner persönlichen Emanzipation zu helfen. Zwar wurden bestimmte Formen der sozialen Absicherung als negativ dargestellt, da sie einzelne Menschen in eine Abhängigkeit von staatlicher Hilfe treiben könnten. Der Schwerpunkt des Wahlprogramms lag dann jedoch auf Bildung und Ausbildung – und zwar mit starken symbolischen Maßnahmen wie die Halbierung der Schülerzahl in den Klassen des primären Bildungsbereichs in Gebieten mit besonderer sozialer Problematik sowie eine Reform der beruflichen Weiterbildung. Im Gegenzug war vorgesehen, die Arbeitslosenversicherung weniger großzügig auszugestalten. Des Weiteren wurden in Macrons Programm die in Frankreich noch vorhandenen Überreste des Bismarck’schen Modells der Sozialversicherung als Quelle von Ineffizienz und Ungleichheit kritisiert. Was die Renten- und Arbeitslosenversicherungssysteme anbelangt, so war eine Angleichung der Regelungen für Leistungsempfänger sowie eine schrittweise Umstellung von einem beitrags- auf ein steuerfinanziertes System geplant, was zu einer stärkeren staatlichen Kontrolle der Steuerung der Sozialversicherung führen sollte. Eine Ausdehnung des Krankenversicherungsschutzes, insbesondere bei Hör- und Sehhilfen, wurde ebenfalls angekündigt. Reduzierung der Arbeitgeberbeiträge, indirekte Senkung der Arbeitskosten durch Reformen der Arbeitslosenversicherung und des Tarifsystems zur Lohnmäßigung, Senkung der Kapitalkosten durch die Reduzierung der Unternehmens- und Abgeltungssteuer und die Abschaffung der Vermögenssteuer (die durch eine Steuer auf Immobilienvermögen ersetzt wurde). Um den damit einhergehenden Rückgang der Einnahmen für die soziale Sicherung zu kompensieren, mussten die Sozialausgaben gekürzt werden. So wurden gleich im Juli 2017 das Wohngeld gesenkt und öffentliche Mittel zur Finanzierung von sozialpolitischen Maßnahmen eingefroren bzw. gekürzt. Die sozialen Reformen in der ersten Amtszeit von Macron liefen somit auf die Vollendung der Metamorphose des französischen Systems der sozialen Sicherung in ein als»liberalmeritokratisch« zu bezeichnendes System hinaus. Dabei ist die Übereinstimmung zwischen den ergriffenen Maßnahmen und der zugrundeliegenden Doktrin bemerkenswert. Sozialleistungen, für die man eine»Wahnsinnssumme« ausgebe, werden als zu großzügig dargestellt. Vielmehr gehe es darum, den sogenannten»Wert der Arbeit« in den Vordergrund zu stellen – das heißt Arbeitslose, Jugendliche und sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen dazu zu bringen, jede noch so prekäre, schlecht bezahlte oder schlecht abgesicherte Arbeit anzunehmen. So hatten zwei unter Macron verabschiedete Reformen der Arbeitslosenversicherung nicht nur die Verpflichtung der Leistungsempfänger zur Arbeitsaufnahme verstärkt, sondern auch die Bemessungsgrundlage und Voraussetzungen für den Anspruch auf Arbeitslosengeld verschärft. Die Schaffung von subventionierten Arbeitsplätzen wurden ebenfalls stark eingeschränkt. REFORMPOLITIK IM ZEICHEN DER KONTINUITÄT Obwohl eine tiefgreifende Erneuerung des Sozialsystems angekündigt war, knüpften die von Macron eingeleiteten Reformen zunächst unmittelbar an die seiner Amtsvorgänger an. In wirtschaftlicher Hinsicht basierte seine Strategie vor allem auf Kostensenkung: direkte Senkung der Arbeitskosten durch die Der»Wert der Arbeit«, wie er hier verstanden wird, lässt aber die Qualität der Arbeitsplätze und die Qualifikationen der Menschen außer Acht. Stattdessen werden Pflichten gegenüber Rechten hervorgehoben: die Pflicht, sich weiterzubilden und einen Arbeitsplatz zu finden, selbst wenn dieser nicht den eigenen Qualifikationen entspricht. Diese Pflichten werden wiederum zur Voraussetzung, um soziale Rechte in Anspruch nehmen zu können. 1
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