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Die Verteidigung unserer Werte : eine französische Umfrage im Kontext des Krieges in der Ukraine
Entstehung
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FES PARIS DIE VERTEIDIGUNG UNSERER WERTE Eine französische Umfrage im Kontext des Krieges in der Ukraine Milan Sen November 2022 Welche Auswirkungen hat der Konflikt in der Ukraine auf das Verhältnis der französischen Bevölkerung zum Krieg? Und welche Opfer wären die Menschen in Frankreich bereit für die Verteidigung ihrer Werte auf sich zu nehmen? Diese Fra­gen untersucht Milan Sen anhand der Ergebnisse der Umfrage »Fractures françaises«(Gesellschaftliche Bruchlinien in Frank­reich), die die Jean-Jaurès-Stiftung jedes Jahr in Zusammen­arbeit mit Ipsos, Sopra Steria, Le Monde und CEVIPOF durch­führt 1 . Die diskursive Eskalation des Kremlchefs mit seinen immer kriegerischer klingenden Worten kann die Bevölkerung nur beunruhigen. Zwar sind nur 16 Prozent»voll und ganz« der Meinung, dass in den kommenden Monaten durchaus ein Weltkrieg ausbrechen könnte. Doch weitere 48 Prozent halten einen solchen Krieg für durchaus»wahrscheinlich«. Wir sind also an einem Moment, an dem fast zwei Drittel der französi­schen Bevölkerung glaubt, dass es in den nächsten Monaten zu einer weltweiten Eskalation kommen könnte. Die Textzeile von Georges Brassens»mourir pour des idées, daccord, mais de mort lente, daccord, mais de mort lente« (zu Deutsch»sterben für Ideen, na schön, aber eines lang­samen Todes, na schön, aber eines langsamen Todes«) ist in Frankreich allseits bekannt. Das Chanson erschien erstmals 1972 und markierte mit satirischer Note das Ende einer Ära. Der Algerienkrieg war inzwischen seit zehn Jahren vorbei. Er beschäftigte die Menschen nicht mehr und selbst die un­erschrockensten Revolutionäre wie Régis Debray waren wie­der von den Barrikaden gestiegen. Die Geschichte war zwar noch nicht zu Ende geschrieben, aber den eigenen Tod wollte man nicht mehr für den ihren Fortgang in Kauf nehmen. 1996 dekretierte der damalige Präsident Jacques Chirac dann die Abschaffung der Wehrpflicht und die Einführung einer Berufs­armee. Für Ideen oder Werte zu sterben, schien nunmehr für die Allgemeinheit unvorstellbar. Seitdem Wladimir Putin im Februar 2022 seine»Spezial­operation« startete, ist der Krieg wieder ins Blickfeld der Euro­päer gerückt. 89 Prozent der Befragten in Frankreich sind der Ansicht, dass sie in einer gefährlichen Welt leben. Diese Ein­schätzung liegt unabhängig von der befragten Bevölkerungs­gruppe in keinem Fall unter 83 Prozent. Es herrscht eine all­gemeine und weit verbreitete Angst. An dieser Stelle stellt sich eine schicksalhafte Frage: Wer wäre bereit zu sterben? Und dieses Mal wäre es kein langsamer Tod. Sicherlich mag es Menschen geben, die bereit sind, für ihre Werte zu sterben, allerdings wohl eher nicht auf einem Schlachtfeld. Die Umfrage»Fractures françaises« vom Okto­ber 2022 fordert die Befragten implizit auf, zu einem mög­lichen Konflikt mit Mächten Stellung zu nehmen, die andere Werte als die unseren vertreten. Der Aussage»Es gibt Werte, für die es sich lohnt, zu sterben« stimmt eine knappe Mehrheit (52 %) der französischen Bevölkerung zu. Angesichts des ver­breiteten Diskurses über den Individualismus und den Sinnver­lust der heutigen Zeit ist dies eine durchaus erstaunliche Zahl. Noch überraschender sind die Zahlen, wenn man weiter ins Detail geht. Zunächst einmal stellt man fest, dass die Variable »politische Einstellung« entgegen aller Erwartungen keines­wegs entscheidend ist. Die Zustimmung zu der Aussage»Es gibt Werte, für die es sich lohnt zu sterben« fällt vom extrem linken bis zum extrem rechten politischen Spektrum in etwa gleich aus. Ausschlaggebend ist hingegen das politische Inter­esse. Von denjenigen, die sich nach eigenen Angaben sehr für Politik interessieren, sagen 63,9 Prozent, dass es Werte gibt, für die es sich lohnt, zu sterben. Das sind 22 Prozentpunkte mehr als bei denjenigen, die der Politik keine Aufmerksam­keit schenken. 1 Die Ergebnisse dieser Umfrage können auf der website der Fonda­tion Jean Jaurès abgerufen werden: https://www.jean-jaures.org/ publication/fractures-francaises-les-resultats/. Ebenfalls entscheidend ist die Variable»soziale Klasse«. Seit Jules Michelet weiß man oder glaubt man zumindest zu wis­sen, dass patriotischer Mut umgekehrt proportional zur so­zialen Klasse ist. In seinem Buch Das Volk behauptet er:»In der Gesellschaft ist es wie in der Geologie: Die Hitze ist unten. 1