FES impuls Angela Borgwardt Wissenschaftsbewertung – Wie kann sie reformiert werden? Eine Stunde für die Wissenschaft Paper No. 10 AUF EINEN BLICK Die Frage, wie Wissenschaft angemessener bewertet werden kann, wird gegenwärtig in Deutschland und im europäischen Kontext verstärkt diskutiert. Dahinter steht die Erkenntnis, dass zukunftsfähige Wissenschaft qualitätsbewusst und verantwortungsvoll sein muss, um ihre wichtigen Aufgaben für die Gesellschaft wahrnehmen zu können. Gegenwärtig zeigen sich bei der Wissenschaftsbewertung aber gravierende Defizite bedingt durch die Dominanz quantitativer und bibliometrischer Indikatoren, die der Vielfalt und den Inhalten wissenschaftlicher Leistungen nicht gerecht werden. Die damit verbundenen Fehlanreize wirken sich negativ auf das gesamte Wissenschaftssystem aus und gefährden die Qualität von Wissenschaft. Das vorliegende Papier skizziert die problematischen Auswirkungen des derzeitigen Systems, versammelt Vorschläge für eine adäquatere Wissenschaftsbewertung und gibt Empfehlungen für die Umsetzung von Reformen, die dazu beitragen können, dass wissenschaftliche Erkenntnisse der Gesellschaft besser als aktuell zugute kommen. DAS SYSTEM DER WISSENSCHAFTSBEWERTUNG Wissenschaftsbewertung beschäftigt sich mit der Frage, wie die wissenschaftlichen Leistungen von Individuen und Institutionen zu beurteilen sind. Die zugrunde gelegten Kriterien sind ausschlaggebend für die Zuschreibung von Reputation und die Verteilung von Ressourcen im Wissenschaftssystem. Damit werden auch die Inhalte und die Qualität der Wissenschaft beeinflusst, da sich die beteiligten Akteur_innen an diesen Kriterien orientieren, um im System erfolgreich zu sein. Einen zentralen Stellenwert bei der Wissenschaftsbewertung hat die Forschungsbewertung, weil in vielen Bereichen des Wissenschaftsbetriebs die erbrachten Forschungsleistungen entscheidend sind, etwa bei den Karrierechancen an Universitäten oder bei der Vergabe von Fördermitteln. 1 Das gegenwärtige System der Wissenschaftsbewertung ist nur wenige Jahrzehnte alt und im Wesentlichen aus zwei Entwicklungen hervorgegangen(vgl. Dirnagl 2021): Zum einen war es eine Reaktion auf die massive Ausweitung wissenschaftlicher Forschung, die zu einer wachsenden Menge an Forscher_innen, Projekten, Anträgen und Publikationen geführt hat. Um den Bewertungsaufwand nicht zu groß werden zu lassen, wurden einfache und schnell zu erhebende Bewertungskriterien gebraucht. Zum anderen war der Wunsch nach Verteilungsgerechtigkeit und wissenschaftlicher Unabhängigkeit entscheidend: Wissenschaftsbewertung sollte auf objektiven Kriterien basieren, die nachvollziehbar und nicht willkürlich sind – und eine eindeutige Bewertung erlauben. Diese Anforderungen schienen quantitative Indikatoren zu erfüllen, weil sie Leistungen messbar machen und relativ leicht einsetzbar sind. Sie sollten in erster Linie der Komplexitätsreduktion dienen und durch objektive Kriterien Vergleichbarkeit in einem Wissenschaftssystem ermöglichen, das von einem Wettbewerb um Ressourcen und Reputation gekennzeichnet ist. 1 Die im Folgenden dargestellten Analysen und Empfehlungen basieren auf neueren wissenschaftlichen Studien und Stellungnahmen von Wissenschaftseinrichtungen zum Thema sowie auf den Inputs und der Diskussion im Rahmen einer Onlineveranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem Titel„Was macht die Qualität von Wissenschaft aus? Möglichkeiten zur Reform der Wissenschaftsbewertung“, die am 23.3.2023 stattfand: https:// www.fes.de/themenportal-bildung-arbeit-digitalisierung/wissenschaft/einestunde-fuer-die-wissenschaft/was-macht-die-qualitaet-von-wissenschaftaus(13.6.2023). Wissenschaftsbewertung – Wie kann sie reformiert werden? – Eine Stunde für die Wissenschaft Paper No. 10— FES impuls 1
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