Michael Jakob Sozial, gerecht, mobil – Impulse zu einer nachhaltigen Mobilität 1 AUF EINEN BLICK Wie mobil wir sein können und wie stark uns die Nachteile des aktuellen Verkehrssystems wie Luftverschmutzung, Lärm und Versiegelung betreffen, hängt stark von Einkommen, Wohnort, Alter, körperlicher Einschränkung, Gender und ethnischer Zugehörigkeit ab. Eine Verkehrswende könnte bestehende Ungleichheiten vermindern und dazu beitragen, Mobilität sowohl ökologisch als auch sozial nachhaltig zu gestalten, und so die soziale Teilhabe vieler Menschen erhöhen. Dafür braucht es eine Verkehrspolitik, die die sozialen Kosten des aktuellen Verkehrssystems und deren ungleiche Verteilung angeht und Mobilität tatsächlich als Daseinsvorsorge begreift(Bormann et al. 2017). DIE NOTWENDIGKEIT EINER SOZIAL GERECHTEN VERKEHRSWENDE Die Bundesregierung hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2045 Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Während die Dekarbonisierung in der Energiewirtschaft rasche Fortschritte macht, liegen die Verkehrsemissionen immer noch auf dem Niveau von vor 30 Jahren. Das liegt nicht zuletzt daran, dass das aktuelle Verkehrssystem weiterhin sehr stark auf den motorisierten Individualverkehr(MIV) setzt, diesen steuerlich und rechtlich gegenüber anderen Verkehrsträgern bevorzugt. Um das Sektorziel für den Verkehr – Senkung der Emissionen um knapp die Hälfte bis 2030 – erreichen zu können, ist eine grundlegende Neuausrichtung der Verkehrspolitik an Nachhaltigkeitskriterien notwendig(Expertenrat für Klimafragen 2022). Eine Verkehrswende beinhaltet aber sehr viel mehr als Klimaschutz. Im Kern geht es darum, den Transport von Personen und Gütern zu Lande, zu Wasser und in der Luft sowohl ökologisch als auch sozial nachhaltig zu gestalten. Ein anderes, nachhaltigeres Verkehrssystem könnte die Lebensqualität vieler Menschen entscheidend verbessern, u. a. indem es ihre Mobilität und damit ihre gesellschaftliche Teilhabe erhöht. Doch das aktuelle Verkehrssystem ist nicht nur eine enorme Belastung für das Klima und unsere Umwelt, sondern gefährdet die Gesundheit und das Leben vieler Menschen: Allein im Jahr 2022 kamen durch Verkehrsunfälle mehr als 2.500 Menschen in Deutschland ums Leben und mehr als 320.000 wurden zum Teil schwer verletzt(Destatis 2023). Luftverschmutzung aufgrund von Kraftstoffverbrennung und Reifenabrieb ist einer der wichtigsten Gründe für Atemwegserkrankungen. Straßen und Parkplätze führen zu weitreichender Versiegelung von Flächen und nehmen einen beträchtlichen Teil des öffentlichen Raums in Städten ein, der für Grünflächen und andere Begegnungsorte fehlt. Darüber hinaus führt das aktuelle Verkehrssystem dazu, dass nicht alle Menschen gleichermaßen mobil sein können und in ihrer sozialen Teilhabemöglichkeit ausgeschlossen werden. Denn der Zugang zu Mobilität hängt stark von Einkommen, Wohnort, Alter, körperlichen Fähigkeiten, Gender und ethnischer Zugehörigkeit ab. Gleichzeitig spielen diese Faktoren auch eine wichtige Rolle dafür, wie stark jemand von den negativen Auswirkungen des Verkehrs wie Unfällen, Luftverschmutzung, Lärm und Flächenverbrauch betroffen ist. Aus diesem Grund spiegelt das Verkehrssystem zugrunde liegende soziale Ungleichheiten wider und verfestigt sie weiter (Rammler et al. 2022). Eine grundlegende Neuausrichtung der Verkehrspolitik an Nachhaltigkeitskriterien(Expertenrat für Klimafragen 2022) würde also bedeuten, die Mobilitätsbedürfnisse aller Bürger_ innen zu berücksichtigen, ihre Gesundheit zu schützen und ihre gesellschaftliche Teilhabe zu gewährleisten. Dieser Beitrag zeigt bestehende Ungleichheiten in Bezug auf Mobilität auf und diskutiert, wie eine Verkehrswende sozial gerecht umgesetzt werden kann. Sozial, gerecht, mobil – Impulse zu einer nachhaltigen Mobilität— FES impuls 1
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Sozial, gerecht, mobil : Impulse zu einer nachhaltigen Mobilität
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