Christian Steinau Gute Arbeitsbedingungen am Theater – auch für Familien? AUF EINEN BLICK Familiäre Verpflichtungen und Care-Aufgaben sind nur selten Bestandteil der Kulturpolitik. Wie aktuell die Themen Arbeitszeit und Arbeitsbelastung sind, zeigt die Aufkündigung des Tarifvertrags „NV Bühne“ durch die Künstler_innengewerkschaften GDBA und BFFS im Juni 2024. Theaterträger und Kulturpolitik stehen vor der Herausforderung, Arbeitsbedingungen und Produktionsdruck im Theatersektor neu zu bewerten. Dieser Punkt ist besonders für Theaterschaffende mit Familien wichtig. Wie können gute und für Mensch und Umwelt nachhaltige Arbeitsbedingungen am Theater aussehen? HINWEISE ZUR EINORDNUNG DES TEXTES Der Impuls geht auf den vom Frauenkulturbüro NRW beauftragten„Policy-Baukasten Familie und Care am Theater“ zurück, den der Autor in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Frauke Meyer entwickelt hat: www.theaterpolicy.care ANALYSE BÜHNEN IM WANDEL: FAMILIENFREUNDLICHKEIT ALS NEUE HERAUSFORDERUNG Die Theaterlandschaft befindet sich im Umbruch. Während Theater seit jeher Dramen inszenieren, werden die zum Teil dramatischen Arbeitsbedingungen am Theater zunehmend zum brennenden Thema. In der Theaterlandschaft formieren sich neue Akteur_innen und Initiativen, die sich für familienfreundlichere Strukturen einsetzen. 1 Der jüngste Paukenschlag in dieser Entwicklung: die Kündigung des Normalvertrags Bühne(NV Bühne) durch die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger(GDBA) sowie den Bundesverband Schauspiel(BFFS)(siehe hierzu auch Diesselhorst/Kaempf 2024; Deutscher Bühnenverein 2024). Dieser Tarifvertrag gilt für circa 22.000 überwiegend in Proben und Vorstellungen beschäftigte Mitarbeitende in Deutschland. Der NV Bühne hat über diese enge Personengruppe hinaus Bedeutung, da sich in Hinblick auf Arbeitszeit und Einkommen auch Privattheater o. Ä. an ihm orientieren. Die Arbeitsbedingungen angestellter Künstler_innen und deren Lebensumstände wirken sich auf alle Beschäftigten am Theater und darüber hinaus in die freien darstellenden Künste aus. Der Mikrozensus ergab, dass im Jahr 2019 deutschlandweit circa 1,3 Millionen Personen in Kulturberufen tätig waren. Damit machten die Erwerbstätigen in Kulturberufen 3,1 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland aus(Destatis 2021). Nach Angaben des Deutschen Bühnenvereins waren in der Spielzeit 2021/22 insgesamt 41.551 Mitarbeiter_innen an öffentlich geförderten Theatern in Deutschland beschäftigt, davon 18.531(44,6 Prozent) im künstlerischen Personal und 23.020(55,4 Prozent) im(künstlerisch-)technischen, Verwaltungs- und Hauspersonal. Hinzu kommt eine Vielzahl hybrid-beschäftigter Kulturschaffender, die in freien Produktionen oder Gastspielen an Theatern projektbasiert arbeiten. Von den circa 15.000 bis 20.000 Schauspieler_innen deutschlandweit befinden sich circa 2.200 in Anstellung an einem Theater. Ziel des branchenspezifischen Tarifvertrags NV Bühne ist es, inhaltlich und organisatorisch Freiheit für künstlerische Prozesse zu gewährleisten. Lisa Jopt, Präsidentin der GDBA, kritisiert jedoch„fehlende Arbeitszeitregelungen“(Backstage Classical 2024). So sieht der NV Bühne keine Teilzeitarbeit vor, ebenso unterliegen Wochen- und Tagespläne kurzfristigen Änderungen, was in Konsequenz eine permanente Verfügbarkeit und fehlende Planbarkeit bedeutet. Thomas Schmidt, Gute Arbeitsbedingungen am Theater – auch für Familien?— FES impuls 1
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