Einleitung Schon früh in seiner zweiten Amtszeit stieß der US-Präsident Donald Trump einen grundlegenden Wandel in der Außen- und Sicherheitspolitik der USA an. Er strebte eine Normalisierung der Beziehungen zu Russland an und signalisierte seine Bereitschaft, den Krieg in der Ukraine zu Russlands Bedingungen zu beenden. Trump hat den europäischen Verbündeten Zölle auferlegt; das war aber ebenfalls schon in seiner ersten Amtszeit(2017–2021) der Fall. Nicht einmal die Möglichkeit, militärische Gewalt anzuwenden, schloss er aus, um Grönland den USA einzuverleiben. Und Trump hat immer wieder vorgeschlagen, dass Kanada der 51. Staat der USA wird. Die Außen- und Sicher heitspolitik der USA wandelt sich schon seit einigen Jahren grundlegend. Dennoch überrascht es auch langjährige Beobachter_innen der US-Politik, wie schnell und radikal Trump die USA in eine neue Richtung steuert. Dieser Politikwechsel wird schwerwiegende, wenn nicht gar existenzielle Konsequenzen für die NATO haben. Allein im Hinblick auf die militärischen Ressourcen scheinen die USA unersetzbar zu sein. 2023 kamen die USA immer noch für nahezu 70 Prozent der Militärausgaben der Verbündeten auf(916 Milliarden US-Dollar von 1 340 Milliarden US-Dol lar in aktuellen Preisen)(Stockholm International Peace Research Institute 2024). Die Streitkräfte der NATO-Verbün deten umfassen 3,2 Millionen Männer und Frauen in Uni form; die USA stellen 1,3 Millionen davon(Chapter Three: Europe 2024). 1 Die Verbündeten in der NATO sind nicht nur von den militärischen Kapazitäten der US-Streitkräfte abhängig, sondern auch von deren Fähigkeiten und den sogenannten strategic enabler, wie Logistik, Schwerlasttransport, Aufklärung, Luftabwehr. Die öffentliche Debatte in den USA zu grundlegenden Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik hält nicht mit den Änderungen Schritt, die Trump und seine Administration schon umgesetzt haben. So sind zum Beispiel viele republikanische Kongressabgeordnete, die bis dato noch loyale Unterstützer_innen der NATO und des Kampfes der Ukraine gegen die russische Aggression waren, von Trumps neuer Politik überrascht worden. Viele zögerten, ihre Bedenken offen zu äußern, oder sie fügten sich sogar und unterstützen nun die neue Politik. Abgeordnete der Demokraten äußern Bedenken; sie haben aber große Schwierigkeiten, sich Gehör zu verschaffen und eine geschlossene Opposition zu bilden. Es wird immer offensichtlicher, dass der US-Kongress nicht willens und nicht imstande ist, ein Korrektiv zum impulsiven Politikstil des neuen Präsidenten zu bilden. Das war während Trumps erster Präsidentschaft anders. Die gleiche Diskrepanz zwischen öffentlicher Debatte und offizieller Politik zeigt sich auch bei Veröffentlichungen USamerikanischer Think-Tanks. Natürlich waren auch schon vor Trumps erneutem Einzug in das Oval Office kritische Stimmen hinsichtlich des Engagements der USA in der NATO, der NATO-Erweiterung oder der militärischen Unterstützung der Ukraine zu hören. Jedoch waren es nur wenige und sie hatten keinen großen Einfluss. Am Ende von Trumps erster Amtszeit wurden Think-Tanks gegründet, die Trumps Ansichten und seiner Make-America-GreatAgain-Bewegung nahestehen, etwa das America First Policy Institute und das Center for Renewing America. Höchstwahrscheinlich werden sie nun in der öffentlichen Debatte noch lauter und dominanter werden. Im Diskurs der Think-Tanks über die NATO und NATO-bezogene Themen überwiegen bislang noch internationalistisch, transatlantisch und auf militärische Abschreckung ausgerichtete Stimmen. Vor dem Hintergrund von Russlands Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022, dem neuen strategischen Konzept der NATO aus dem Jahr 2022, des Gipfels zum 75-jährigen Bestehen der Allianz im Jahr 2024 und mit dem Rückenwind der Biden-Regierung sprachen sich die meisten Beiträge zur NATO nachdrücklich für eine Verstärkung der transatlantischen Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich– natürlich mit größerem europäischem Beitrag –, für die Unterstützung der Ukraine in ihrem Kampf gegen Russland und für die Verstärkung der Verteidigungsund Abschreckungsfähigkeiten des Bündnisses an seiner Ostflanke aus. Es wird sich zeigen, wie der radikale Politikwechsel unter »Trump II« den Diskurs der Think-Tanks beeinflussen wird. Einige Analyst_innen passen bereits ihre Argumentation den neuen politischen Umständen in Washington an. Dabei machen sie sich insbesondere den»transaktionalen« Deutungsrahmen Trumps zu eigen. Sie erörtern, wie die Beteiligung der USA in der NATO in»einen neuen Deal für Amerika« umgewandelt(The Alphen Group 2025) und wie ein»neuer transatlantischer Deal«(Hooker und Molot 2025, S. 17) ver einbart werden kann, der die zweite Amtszeit Trumps überdauert. Andere, wie Max Bergmann vom Center for Strategic and International Studies(CSIS), sind indes skeptisch, ob ein»neuer Deal« tatsächlich möglich ist – vor allem wenn das bedeuten würde, dass Europa deutlich mehr für Verteidigung ausgibt und mehr US-Waffen oder US-Flüssiggas kauft(Bergmann 2025, S. 5). Die Nationale Sicherheitsstrategie und die Sicherheitsdebatte in den USA In den letzten Jahrzehnten beruhte die US-Außen- und Sicherheitspolitik auf der Annahme, dass die Sicherheit und der Wohlstand der USA ein starkes politisches, ökonomisches und militärisches Engagement im Rest der Welt erforderlich machen. Diese Sicht spiegelte sich sogar in Trumps Nationaler Sicherheitsstrategie(National Security Strategy – NSS) von 2017. Diese Strategie bedeutete jedoch bereits eine Abkehr von früheren Strategiepapieren der USA – und zwar 1 Die Truppenzahlen beziehen sich nur auf den aktiven Dienst. Einleitung 3
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Die Zukunft der NATO : von der Führungsmacht zu 'Uncle Sucker': die US-Debatte zur NATO
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