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Die Zukunft der NATO : von der Führungsmacht zu 'Uncle Sucker': die US-Debatte zur NATO
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einen Erstschlag gegen Russland zu ermöglichen«, und »außerdem zu signalisieren, dass die Vereinigten Staaten und die NATO-Verbündeten nicht den Plan verfolgen, ­direkt in den[Ukraine-]Konflikt einzugreifen«(Frederick et al. 2022, S. 8). Die meisten der Think-Tanks, die sich auf die Verteidi­gungs- und Abschreckungspolitik der NATO konzentrie­ren, begrüßen den Übergang der NATO von einer einfa­chen»Vornepräsenz« an der Ostflanke zu einer substan­zielleren»Vorneverteidigung«; diese Veränderung beinhalte laut einer Studie des Center for Strategic and Budgetary Assessments(CSBA),»ausreichend kampfbe­reite Truppen vor Ort und mit unmittelbarer Einsatzbereit­schaft( fight tonight) zu haben«(van Tol et al. 2022, S. III). Mark Cancian, Sean Monaghan und andere nennen diese Herangehensweise» repel, dont expel«(in etwa: bes­ser abwehren, als Russland später von NATO-Gebiet ver­treiben zu müssen). Russland müsse schon allein die Möglichkeit verwehrt bleiben, das Territorium von einem oder gar allen baltischen Staaten einzunehmen. Für Can­cian und Monaghan ist die Entscheidung für eine vorge­schobene Stationierung von Brigaden ein wichtiger Schritt für die NATO. Sie betonen aber, dass diese Art der Verlegung erklärt werden muss, vor allem die genaue Grö­ße der Truppen, wo sie stationiert sein werden, welche Staaten sich beteiligen werden und wie die Brigaden un­terstützt werden sollen(Cancian und Monaghan 2023, S. V–VIII). Die Mobilisierung einer ausreichenden Zahl von Kampf­truppen und die Übersetzung dieser Truppenzahlen in ef­fektive Kampfkraft auf dem Gefechtsfeld wird ein zentra­les Problem der NATO sein. Hierzu müssen erhebliche Fä­higkeitslücken geschlossen und die Einsatzbereitschaft deutlich erhöht werden(Dowd et al. 2024, S. 2). In dieser Hinsicht werfen mehrere Forscher_innen des Center for Strategic and International Studies die Frage auf, ob die NATO überhaupt für einen langwierigen Krieg mit Russ­land vorbereitet wäre(Monaghan et al. 2024, S. 16). Auch die Frage, wie die kürzliche Aufnahme Finnlands und Schwedens in die NATO das militärische Gleichge­wicht gegenüber Russland verändert, wird thematisiert. Nicholas Lokker, Jim Townsend und andere Forscher_in­nen des Center for a New American Security(CNAS) beto­nen, dass die Aufnahme der sehr leistungsfähigen Streit­kräfte dieser beiden nördlichen Länder»die NATO in die Lage versetzen wird, ihre aktualisierten Pläne zur Vorne­verteidigung der nordöstlichen Flanke besser zu erfüllen« (Lokker et al. 2023, S. 6). Zusätzlichen sehen sie die Chan ­ce, dass das Bündnis eine umfassende Strategie für die regionale Sicherheit in Nordeuropa erarbeitet. Nordeuropa könne dabei als ein Operationsraum betrachtet werden, der sowohl die Ostsee als auch den Nordatlantik umfasst. Luke Coffey vom Hudson Institute argumentiert ähnlich. Er schlägt vor, in Finnland einen zusätzlichen NATO-Ge­fechtsverband aufzustellen und die maritime Präsenz des Bündnisses in der Ostsee zu verstärken(Coffey 2022, S. 1). Cyber-, Weltraum- und neue Technologien ­sowie hybride Bedrohungen Die Verteidigungsfragen haben sich schon länger über die traditionellen Dimensionen Land, Wasser und Luft hi­naus auf zwei Bereiche ausgeweitet, die sich nicht geo­graphisch definieren lassen den Cyber- und den Welt­raum. Außerdem macht das Tempo des technologischen Wandels und der Innovationen eine kontinuierliche An­passung von Verteidigungskonzepten und-fähigkeiten erforderlich. Daher kommen auch die neuen Technolo­gien sowie der Cyber- und Weltraum in vielen Think­Tank-Analysen zur Sprache. So betonen zum Beispiel Franklin Kramer und Anca Agachi, wie wichtig es für das Bündnis sei,»die Kernelemente der laufenden technologi­schen Revolution einzubeziehen, wie sie sich etwa in un­bemannten Fahrzeugen, in der additiven Fertigung, in Satelliten mit niedriger Erdumlaufbahn und in der künst­lichen Intelligenz zeigen«. Aus ihrer Sicht muss die NATO diese Entwicklungen»in ihrer gesamten Verteidigungsar­chitektur berücksichtigen, von der Entwicklung von Fä­higkeiten über die Beschaffung bis hin zum operativen Einsatz«. Sie sprechen sich etwa dafür aus, den Verteidi­gungsplanungsprozess der NATO zu nutzen,»um Fähig­keitsziele der Allianz im Weltraum und in der Weltraum­abwehr zu definieren«(Kramer und Agachi 2024). Da technologische Innovationen zunehmend aus dem pri­vaten und nicht aus dem öffentlichen Sektor kommen, schlagen Kramer und Agachi vor,»neue Verteidiger jenseits des traditionellen staatszentrierten Militärmodells« zu be­auftragen(Kramer und Agachi 2024). Diese Abhängigkeit von privaten Akteuren könnte allerdings die staatliche Kon­trolle schwächen und zugleich neue Abhängigkeiten schaf­fen. Dieses Risiko erwähnen die Autoren jedoch nicht. So hat beispielsweise die Abhängigkeit der Ukraine von Elon Musks privatwirtschaftlichem Satellitennetzwerk Starlink eine weitere Schwachstelle verursacht zusätzlich zu der unsicheren Aussicht auf weitere US-Militärhilfen. Das relativ neue Konzept der Multi-Domain Operations (MDO), aktuell der Maßstab für die Transformation der US­Armee, betont ebenfalls die Relevanz von Technologie, Cy­ber- und Weltraum. Die Umsetzung der Multi-Domain Ope­rations könne die Abschreckungs- und Verteidigungsfähig­keiten der NATO zur Unterstützung ihrer regionalen Pläne stärken, so heißt es in einem weiteren Bericht eines Think­Tanks, der ebenfalls von Franklin Kramer mitverfasst wur­de. Dieser Bericht schlägt den Aufbau»integrierter Cyber­und kinetischer Offensivfähigkeiten« durch die NATO und ihre Mitgliedsstaaten vor sowie die»gesicherte Bereitstel­lung von Weltraumfähigkeiten des Privatsektors in Kriegs­zeiten«(Kramer et al. 2024, S. 5). Das Thema der hybriden Kriegsführung oder der hybriden Bedrohungen ist inzwischen interessanterweise stärker in den Hintergrund gerückt, verglichen mit dem Zeitraum von 2014 bis 2021. Kurz nach Russlands Annexion der Krim 2014, mit dem Auftauchen der»kleinen grünen Männchen«, be­Cyber-, Weltraum- und neue Technologien owie hybride Bedrohungen 7