sichtigt werden. Als entscheidend werden Allianzen mit Kanada und Australien wegen Rohstoffen sowie internationale Kooperationen bei Lieferketten und Absatzmärkten mit Japan, den Mercosur-Staaten oder afrikanischen Staaten benannt. Eine stärkere EU-Integration stellt dabei bei den Teilnehmenden einen wichtigen Hebel dar, inklusive mehr geopolitischer Unabhängigkeit durch die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit der EU bis hin zur nuklearen Verteidigung. 4.5 Szenario 4: Jenseits der Staaten In dieser Welt hat sich die globale Ordnung in ein chaotisches Geflecht nicht staatlicher Akteure aufgelöst, während staatliche Autorität verblasst. Wirtschaftliche Macht ist stark konzentriert in wenigen privaten Händen, Handelsstrukturen sind zerfallen und alternative Währungen dominieren. Die Sicherheitslage ist prekär, Kriege werden von Söldnertruppen geführt und internationale Organisationen existieren kaum noch als gestaltende Instanzen. Dieses Szenario wird als katastrophal für alle Industrien Baden-Württembergs eingeschätzt. Die Rohstoffabhängigkeit, lange Wertschöpfungsketten, hohe Spezialisierung und das sensible Ausbildungssystem mit spezifischen Facharbeiterkenntnissen werden als Faktoren genannt, die eine rasche Anpassung selbst bei kleinen Schocks erschweren. Für die Automobilindustrie wird als verbleibender Standortvorteil auf Clustereffekte verwiesen; allerdings wird erwartet, dass die Wirtschaftsmacht eher bei chinesischen Automobilherstellern oder amerikanischen TechKonzernen liegen wird. Premiumfahrzeuge für kaufkräftige nicht staatliche Akteure werden als Nischenmarkt erwogen. Dem Maschinenbau werden Chancen durch massiven Ausbau der Defense-Kapazitäten zugeschrieben – Baden-Württemberg als Ausrüster von Verteidigungs- und Sicherheitssystemen wird als mögliche Rolle genannt. Neue Märkte durch die Privatisierung staatlicher Kernaufgaben wie Gesundheit, Sicherheit, Energie und Wasser werden erwartet. Gleichzeitig werden extreme Unsicherheiten bei globalen Lieferketten und große Risiken insbesondere für KMU identifiziert, die als bisherige Weltmarktführer auf Schutzmächte angewiesen sein könnten. Der Chemieindustrie wird attestiert, dass endkundennahe Produktion mit einfachen Lieferketten weiterhin möglich sein könnte; lokales Sourcing von Energie und Rohstoffen in Verbindung mit Dekarbonisierung wird als resilienzsteigernd bewertet. Branchenübergreifend wird das Potenzial einzelner Konglomerate genannt, die sich ausbilden könnten. Lokale Kooperation mit NGOs und Städten zur Schaffung resilienter Räume wird als Chance bewertet. Gleichzeitig werden fehlende Perspektiven für Forschung und Entwicklung sowie mangelnde Investitionssicherheit als fundamentale Risiken eingeschätzt. Absatzmärkte mit kurzen Lieferketten in Anrainerstaaten sowie Mega-Konzerne werden als relevant genannt. Technologisch wird auf KI, Cybersicherheit, Blockchain, Rohstoffgewinnung und Recyclingtechnologien gesetzt. Als entscheidend werden Allianzen mit Anrainerstaaten, Big-Tech-Konzernen zur Sicherung der IT-Infrastruktur sowie Rohstoffallianzen mit marktdominierenden Akteuren erachtet. 5 Herausforderungen für eine Industriestrategie Baden-Württembergs Im Folgenden werden szenariospezifisch und übergreifend die Chancen und Risiken für die Industrie herausgearbeitet, um daraus strategische Dimensionen für Herausforderungen abzuleiten, die eine Industriestrategie Baden-Württembergs angehen sollte. Die vier Szenarien verdeutlichen, wie unterschiedlich sich die Rahmenbedingungen für die baden-württembergische Industrie entwickeln können. In einer bipolaren Weltordnung droht der Automobilindustrie die Marginalisierung bei der Standardsetzung zwischen USA und China, während in einer sinozentrischen Ordnung dieselbe Branche zur bloßen Werkbank degradiert werden könnte – mit Endmontage in Deutschland, aber Wertschöpfung bei Schlüsselkomponenten vollständig in China. Die Pentarchie würde einen kompletten Umbau von der Exportorientierung zur Blockwirtschaft erfordern, während im Szenario jenseits der Nationalstaaten selbst etablierte Weltmarktführer im Maschinenbau auf staatliche Schutzmächte oder MegaKonzerne angewiesen wären. 17
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Wege zur Zukunftsfähigkeit : strategische Industriepolitik für Baden-Württemberg
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