7 Fazit und Ausblick Die vorliegende Studie zeigt, dass eine Debatte verschiedener Interessengruppen zur Industriepolitik den oft holzschnittartigen öffentlichen Diskurs schnell hinter sich lässt und zu den eigentlichen Fragen vordringt: Welche Technologien und Bereiche sind für die Zukunft der baden-württembergischen Industrie entscheidend? Welche Risiken müssen adressiert, welche Chancen ergriffen werden? Und mit welchen Instrumenten kann die Landespolitik darauf reagieren? Die Szenarioanalyse hat verdeutlicht, dass robuste Strategien solche sind, die in mehreren möglichen Zukünften tragen – und dass die Fähigkeit zum politischen Umsteuern institutionell verankert werden muss. Die Studie hat einen bewusst explorativen Charakter. Die Analyse ist nicht erschöpfend, sondern identifiziert Handlungsoptionen auf Basis der Einschätzungen der WorkshopTeilnehmenden. Es handelt sich nicht um klare Handlungsempfehlungen, sondern um eine systematische Übersicht über mögliche Ansatzpunkte, die in einem weiteren Prozess priorisiert und konkretisiert werden müssen. Die Relevanz des Diskurses im Rahmen der Studie zeigt auch das Sondierungspapier 10 der neuen grün-schwarzen Landesregierung von Mitte April 2026, die erste industrie politische Prioritäten und Governance-Prozesse festgelegt hat: → Eine Hightech-Strategie soll für die zentralen Zukunftstechnologien wie Künstliche Intelligenz, Robotik, Lebenswissenschaften, Quantentechnologie, Photonik, Wasserstoff- und Batterietechnologien, Luft- und Raumfahrt und Verteidigungstechnologien entwickelt werden, um diese gezielt zu fördern. Dabei sollen auch Cluster aus Wirtschaft und Wissenschaft neu geschaffen und unterstützt werden. Inwiefern die Hightech-Strategie ähnlich wie auf Bundesebene auch Industriepolitik berücksichtigen und die Skalierung und Schaffung von Produktionskapazitäten mitdenken wird, bleibt abzuwarten. Wichtig ist jedoch auch bei einer High-tech-Strategie die Definition von Zeithorizonten und verifizierbaren und ressortübergreifend verbindlichen Zielen. Auch eine wissenschaftliche Begleitung als Entscheidungsgrundlage, insbesondere zur Analyse des komplexen Innovations- und Industriesystems im Land, und eine dauerhafte Governance-Struktur sind angesichts bisheriger Erfahrungen sinnvoll, um politische Diskurs-, Lern- und Anpassungsprozesse zu ermöglichen und akteursübergreifendes gemeinsames Entscheiden zu beschleunigen. Diese Art der Begleitung sollte auch für die im Sondierungspapier angestrebten Weiterentwicklungen des Wissenschaftssystems, der Innovationscampusmodelle oder der Stärkung von geopolitischer und demokratischer Resilienz vorgesehen werden. → Elektromobilität wird als zentrale Zukunftstechnologie anerkannt, allerdings ergänzt durch alternative Antriebe, Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe. Zwar soll der Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Mobilität ebenso vorangetrieben werden wie digitale Mobilitätslösungen, autonomes Fahren und neue Batteriegenerationen. Doch der Nutzen der sogenannten alternativen Antriebe bleibt ebenso unklar wie die Begründung dafür, weiterhin finanzielle Ressourcen für die Entwicklung und Produktion von Elektro- und Verbrennungsantrieben zu mobilisieren. Angesichts der großen Bedeutung von Schnelligkeit und Lock-in zum Heben von Skaleneffekten, kann das Ausbleiben einer klaren Priorisierung auf Elektromobilität ein Innovationsdilemma 11 auslösen: Durch den verspäteten Umstieg auf neue technologische Pfade können selbst hochinnovative Unternehmen wie die deutsche Autoindustrie leicht Gefahr laufen zu verschwinden(Christensen 1997). → Eine GreenTech-Allianz soll Start-ups, Mittelstand, Handwerk, Industrie und Forschung vernetzen. Inwiefern diese auch einen Platz in der Hightech-Agenda ähnlich wie im Bund erhalten wird, ist noch unklar. Der Diskurs im Rahmen der Studie hat jedoch die Bedeutung von Cleantech ebenfalls deutlich gemacht. → Ein Zukunftsfonds soll den Kapitalzugang für Schlüsseltechnologien erleichtern, wie groß dieser Fonds sein wird und welche Prioritäten er setzt, bleibt noch unklar. Die Start-up-Förderung und der Zugang zu Risikokapital werden gestärkt, Gründungen sollen in 48 Stunden möglich sein und die Gründerkultur an Hochschulen wird gefördert. Inwiefern vom Prinzip der Gießkanne bei der Gründungsförderung hin zu einer Priorisierung besonders wichtiger Aktivitäten gegangen werden soll, auch im Kontext der Prioritäten der Hightech-Agenda, bleibt abzuwarten. 10 Abrufbar unter: https://www.gruene-bw.de/wp-content/uploads/2026/04/Sondierungspapier_GrueneBW_CDUBW.pdf. 11 Das Innovationsdilemma(Christensen 1997) beschreibt die Situation, dass ein Unternehmen eine große Stärke bei der inkrementellen Verbesserung einer etablierten Technologie dauerhaft nutzt, diese Stärke jedoch dann zu einer Schwäche werden kann, wenn neue disruptive Technologien auftreten und die etablierte Technologie ersetzen und vom Markt drängen. Für die Unternehmen besteht hier die Herausforderung, zum richtigen Zeitpunkt aus den bestehenden Aktivitäten auszusteigen und sich neuen Technologien und Wertschöpfungsaktivitäten zuzuwenden. Ein zu später Wandel kann zum Verschwinden des Unternehmens führen. 29
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Wege zur Zukunftsfähigkeit : strategische Industriepolitik für Baden-Württemberg
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