Politikinfo Zur politischen Ökonomie des Palästina-Konflikts Für viele Beobachter entzieht sich das Verhalten der Parteien im Palästina-Konflikt einer rationalen Erklärung und scheint nur noch von kollektiven Pathologien und historischen Traumata beherrscht zu sein. Es mag fast zynisch anmuten, sich der Ökonomie des Konflikts zu nähern zu versuchen: Die derzeitige Gewalt eskalation steht scheinbar im Widerspruch zu jedem denkbaren ökonomischem Interesse. Doch viel spricht da für, dass die Auseinandersetzung um Palästina wie andere langdauernde Konflikte eine ökonomische Dimension aufweist. Natürlich erklärt die Ökonomie nicht alles, dennoch ist die Frage nach der politischen Ökonomie des Konflikts wichtig, weil eine Lösung mehr Erfolg verspricht, wenn sie an den Interessen der Akteure ansetzt, anstatt nur an deren Vernunft zu appellieren. Palästina: Die„politische Ökonomie des Flüchtlingslagers“ Vielen Palästinensern wird seit Jahrzehnten verwehrt, produktiven Tätigkeiten nachzugehen. Sie sind in den arabischen Ländern wie in den von Israel besetzten Gebieten auf eine nicht-produktive Ökonomie der Flüchtlingsla ger angewiesen, die in vielen Fallen von der sie umgebenden Wirtschaft isoliert ist. Die Tätigkeit anderer reduziert sich in den besetzten Gebieten auf Subsistenzwirtschaft. Einen wirtschaftlichen Entwick lungsprozess hat es in den Gebie ten in mehr als dreißig Jahren israelischer Kontrolle nicht gegeben. Da Israel die Ge biete offiziell nie endgültig annektieren wollte, unternahm der Staat(von der Protektion der jüdischen Siedlungen abgesehen) auch keine entwicklungsoder strukturpolitischen Anstrengungen. Unter diesen Voraussetzungen wäre ein eigener Staat die Grundbedingung dafür, dass die Palästinenser produktiven Aktivitäten nachgehen können. Warum aber rebellieren sie gegen Israel, das ihnen im Oslo-Abkommen(dem sie selbst zustimmten) in den 1967 von Israel besetzten Gebieten Autonomie mit der Perspektive der Staatsbildung zugestanden hatte? Diese Frage wird normalerweise mit den in Oslo nicht gelösten, sondern aufgeschobenen Problemen be antwortet: dem Rückkehrrecht der Flüchtlinge, dem Status Ost-Jerusalems und den jüdischen Siedlungen. Darüber hin aus jedoch gibt es Gründe für die Annahme, dass sich in der politischen Ökonomie Palä stinas im Konflikt Interessen am Konflikt ausgebildet haben. Die politische Ökonomie der besetzten Gebiete ist zu einem hohen Anteil eine Rentenökonomie. Die nach Palästina flie ßenden Renten stammen aus unterschiedlichen Quellen: a) Ein Teil der Renten sind Überweisungen von Palästinensern, die sich in den arabischen Staaten, in den USA oder Europa einen gewissen Wohlstand erarbeiten konnten. Dieser Teil wird über familiäre Netzwerke verteilt. b) Die UNO finanziert die Flüchtlingslager und erhält damit eine Ökonomie sui generis ohne Produktion aufrecht. Hinzu kommt die nach 1993 koordinierte Entwicklungshilfe der EU-Staaten sowie die humanitäre Hilfe priva ter Organisationen, NGOs, Stif tungen usw. c) Bei einem Großteil der in die besetzten Gebiete fließenden Renten handelt es sich um Abzweigungen der Ölrente aus den arabischen/islamischen Ländern. Dieser Teil wird in erster Linie unter politischen oder ideologischen Gesichtspunkten verteilt. Die politische Ökonomie der Milizen Einkommen, Ressourcen und Ansehen in der palästinensischen Gesellschaft wird zu einem hohen Anteil mit der Kontrolle über die Verteilung der Renten verbunden sein. Diese Kontrolle wird – so lässt sich zumindest vermuten – von zivilgesellschafrtlichen, aber auch von milizähnlichen Organisationen mit hohem Ge waltpotential ausgeübt, die sich in dem nun über 50 Jahre währenden Konflikt ge bildet haben.
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