Tiger und Schlusslichter im Labyrinth internationaler Wohlstandsvergleiche D as Schlusslicht Deutschland wurde schon von Irland, dem keltischen Tiger,(und vielen anderen) überholt. Aber woran wird der Fortschritt gemessen? Und wie sieht das Labyrinth aus, in dem uns die anderen voraus sind? Auf wessen Kosten kann Wachstum angekurbelt werden? Der folgende Aufsatz will einige Zusammenhänge deutlich machen und die Verteilungskonflikte erörtern, die eine Wachstumsstrategie lösen muss. Wachstum ist nicht gleich Wachstum Die meisten internationalen Vergleiche sehen sich die Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes(BIP) an. Das ist die Wertschöpfung auf dem Territorium des betreffenden Landes, also der Wert der dort produzierten Güter und Dienstleistungen abzüglich der Vorprodukte. Da dieser Wert von den Preisen abhängt, wächst das nominale BIP in Ländern mit hoher Inflation schneller als in Ländern mit stabilem Preisniveau – ganz zu schweigen von solchen mit Deflation. Dieses Problem vermeiden Vergleiche, die sich auf das reale BIP stützen, wobei die Preisänderungen herausgerechnet werden. Auf diese Weise merkt man, dass das scheinbar schrumpfende und viel geschmähte Japan, dessen nominales BIP seit 1998(außer 2000) fast immer sank (!), real teilweise ein ganz passables Wachstum hatte, z.B. 2,9% im Jahr 2003, also mehr als die EU und nicht viel weniger als die USA. Aber internationale Vergleiche sind noch haariger, denn die verschiedenen Länder haben unterschiedliche Währungen, deren gegenseitige Wechselkurse schwanken. Vergleichen kann man aber erst mal nur in einer Währung. Da sieht dann ein Land, dessen Wä hrung sich – aus welchen Gründen auch immer – gerade aufwertet, gleich viel besser aus. So schien Großbritannien in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre Deutschland und die ganze EU hinter sich zu lassen. 1995 lag sein BIP pro Kopf noch bei 85% des EUDurchschnitts, im Jahr 2000 schon bei 115%! War das ein Verdienst der harten Reformpolitik von Margret Thatcher und des Dritten Wegs von Tony Blair? Nein, sondern der Pfundaufwertung. Vergleicht man nämlich Großbritannien und die EU zu Kaufkraftparitäten, also was mit dem Einkommen im jeweiligen Land erworben werden kann, so betrug das Prokopfeinkommen 1995 schon 96,5% des EU-Durchschnitts und stieg auf 100,4% im Jahr 2000. Also holte die Insel in fünf Ja hren bescheidene 4% auf. Trotzde m war die Aufwertung nicht bedeutungslos. Sie erlaubte den Briten z.B. billige Urlaube in Europa. Ähnliches konnte man bei den USA verfolgen, deren Prokopfeinkommen in Wechselkursen sich von 120% des EU-Durchschnitts 1990 auf 168% 2001 und wieder runter auf 140% 2003 bewegte. In Kaufkraftparitäten waren die VeränApril 2004
Druckschrift
Tiger und Schlusslichter im Labyrinth internationaler Wohlstandsvergleiche
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten