Internationale Politikanalyse Europäische Politik, September 2004 Michael Ehrke Das neue Europa: Ökonomie, Politik und Gesellschaft des postkommunistischen Kapitalismus D ie Volksfeste und Feuerwerke, die am ersten Mai 2004 die Erweiterung der Europäischen Union um zehn neue Mitglieder einleiteten, konnten nicht da rüber hinwe gtäuschen, dass das Klima in den neuen wie in den alten Mitgliedstaaten durch eine fast übertriebene Nüchternheit bestimmt war. Die einst hoch gespannten Hoffnungen und Erwa rtungen, die mit der Vereinigung verbunden waren, hatten sich in den fünfzehn Jahren nach dem Zusammenbruch des europäischen Kommunismus abgeschliffen. Am ersten Mai 2004 verbargen sich hinter der Fassade kurzfristiger Hochstimmung auf beiden Seiten vor allem Sorgen. In den alten Mitgliedsstaaten werden die Auslagerung von Arbeitsplätzen, der unkontrollierte Zuzug von Arbeitskräften, die Intensivierung der Probleme in den Grenzregionen und die finanzielle wie institutionelle Überforderung der Union durch 25 Mitglieder befürchtet. Bei den neuen Mitgliedern herrscht unübersehbare Enttäuschung: Fünfzehn Jahre der Transformation, der wirtschaftlichen Öffnung und der Annäherung an die EU haben wenig zur Verbesserung der sozialen Lage der Bevölkerungsmehrheit beigetragen. Die Transformation war mit hohen wirtschaftlichen und sozialen Kosten verbunden, aber die reiche EU hat sich gegenüber ihren neuen Mitgliedern alles andere als großzügig erwiesen. Vom Beitritt selbst wird auf kurze Sicht wenig erwartet, die Hoffnungen verlagern sich auf die „nächste Generation“, der es einmal besser gehen soll. Immerhin: Auch Irland war fast 20 Jahre lang EUMitglied, ehe es seinen spektakulären take-off starten konnte. Während die Erwartungen in eine ferne Zukunft gelegt werden, speist sich der Rest der mit der Erweiterung verbundenen Euphorie aus der Vergange nheit: Europa ist endlich wieder vereint! Die historisch-kulturelle Identität Europas wurde auch von Nikolaus Kope rnikus und Matthias Corvinus, der Donaumona rchie, Jan Hus und Franz Kafka geprägt. Die Einheit Europas wurde – so scheint es – durch die Unterwerfung Mitteleuropas unter den Kommunismus künstlich unterbrochen. Die Erinnerung an„Mitteleuropa“, die Kon* Friedrich-Ebert-Stiftung, Budapest. struktion einer vom russisch-sowjetischen Osten abgesetzten historischen Identität, war ein Ausgangspunkt der zentraleuropäischen Dissidentenbewegungen, die Lektüre Kafkas ein erster Schritt zur Syste mopposition. Natürlich ist dieses Bild schief. Es unterstellt einen überhistorischen Gegensatz zwischen Europa und „dem Osten“, wobei der Kommunismus als die moderne Ausprägung einer wesensfremden, im Kern „asiatischen“ Lebensweise gilt. Wie immer dem sei: Heute ist Zentraleuropa im Westen(manchmal sehr weit im Westen) angekommen, und die Beschwörung der mitteleuropäischen Vergangenheit gehört selber der Vergangenheit an. 1 Dabei droht jedoch ein wichtiger Sachverhalt aus dem Blick zu geraten: Die Spaltung Europas nach 1945 mag künstlich gewesen sein und die„natürliche“ Einheit des Kontinents gestört haben, sie hat aber 45 Jahre lang auf beiden Seiten der Grenzen die Menschen und die Verhältnisse geprägt. Eine Sicht, die den Kommunismus als eine Art Betriebsunfall, die Entwicklung Westeuropas nach 1945(als Stellvertreter für ganz Europa) aber als natürliche Fortsetzung der europäischen Geschichte betrachtete, wäre nicht nur historisch fragwürdig, sie würde auch der Erweiterung von vornherein ein Verhältnis zwischen Siegern und geschichtlichen Unfallopfern unterlegen – und sie damit gefährden. Der Blick auf das historisch Neue der Erweiterung wird durch den Vergleich mit früheren Erweiterungsrunden eher verstellt als geschärft. In diesem Vergleich werden die Unterschiede vornehmlich quantitativ gefasst – hinsichtlich der Zahl der neuen Mitglieder, des wirtschaftlichen Entwicklungsgefälles usw. Das Neue der jüngsten Erweiterung aber liegt darin, dass sich unter dem Dach der Union nun zwei Ländergruppen mit zwei unterschiedlichen Geschichten vereinigt haben. Damit tut sich innerhalb der EU eine Art„Systemdifferenz“ auf, die sich nicht auf Unterschiede im Prokopfeinkommen reduzieren lässt. Künftige Debatten we r1 Es ist kennzeichnend, dass die Erinnerung an Mittele uropa nun an dessen östlicher Peripherie wieder wachgerufen wurde, in der Ukraine. Siehe Andruchowytsch 2003.
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Das neue Europa : Ökonomie, Politik und Gesellschaft des postkommunistischen Kapitalismus
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