Notstand der Demokratie – Ahmed Kurei bleibt für 30 Tage im Amt Der Anfang vom Ende des Jassir Arafat, so erschien im April dieses Jahres die Ernennung des ersten palästinensischen Premierministers Mahmud Abbas. Voraus gegangen war eine tagelange interne Auseinandersetzung zwischen den beiden PLO-Führern, in der der„Alte“ – wie man den PA-Vorsitzenden bereits zu betiteln begann, am Ende den Kürzeren gezogen zu haben schien(vgl. Kurzanalyse FES Palästina Machtkampf in Ramallah vom 24.04.2003). Nur 131 Tage später warf ein verbitterter Mahmoud Abbas das Handtuch. Vorausgegangen war eine Blockadepolitik des PLO-Vorsitzenden Arafat gegenüber seinem Premierminister, die an Mobbing erinnerte, aber auch eine Politik der eisernen Faust von israelischer Seite, die ihre gezielten Tötungsangriffe auf palästinensische Extremisten während des Waffenstillstands fortgesetzt hatte(vgl. Kurzanalyse FES Palästina Mission Impossible vom 8. September 2003). Mit dem schrecklichen Anschlag vom 19. August, bei dem in Jerusalem 21 Menschen, darunter viele Kinder, ums Leben kamen und der darauf folgenden Entscheidung des Kabinetts Sharon, den Vor sitzenden der Autonomiebehörde„zu entfernen“, schien Yassir Arafat endgültig zurück auf der politischen Bühne Palästinas. Von Tausenden seiner Anhänger frenetisch gefeiert, zeigte er sich vor der in Trümmern liegenden Muqata, dem Regierungsgebäude in Ramallah und sonnte sich in seiner wieder gewonnenen Popularität – und dies nur ein Jahr nach dem seine Beliebtheitswerte in der Bevölkerung auf eine Rate von 27,9% abgesunken waren. 1 Am 5. Oktober schließlich machte Jassir Arafat seine Rückkehr zur allumfassenden Macht perfekt und rief mit Bezug auf das palästinensische Grundgesetz Kapitel 7 den Notstand aus, eine Maßnahme, die „eine Bedrohung der nationalen Sicherheit durch Krieg oder Invasion, einen bewaffneten Aufstand oder eine Naturkatastrophe“ voraussetzt. 2 Keine dieser Vorbedingungen war am 5. Oktober in einem qualitativ höheren Maße gegeben als in den Wochen zuvor oder in Zeiten der so genannten „Operation Defensive Shield“ der israelischen Armee im April 2002. So muss die Ausrufung des Notstands, mit dem Machtprivilegien für den PA-Vorsitzenden Arafat einher gehen, als das letzte i-Tüpfelchen einer Entwicklung betrachtet werden, in der sich der PLOFührer zurück an die Macht befördert hat. Wie in Zeiten vor Beginn der palästinensischen Reformen regiert er nun wieder per Dekret. Kaum jemandem war dabei aufgefallen, dass sich der Präsident bei der Ausrufung des Notfalls auf einen falschen Paragraphen des Grundgesetzes bezog. Es sind diese Hintergründe, die vermuten lassen, weshalb sich der 1 Umfrage Nr. 44/2002 des Jerusalem Media and Commu nication Centers (JMCC) 2 Palestinian Basic Law ratifiziert am 29. Mai 2002(vgl. http://jurist.law.pitt.edu/world/palestb asic.htm) palästinensische Legislativ rat PLC zunächst weigerte, das so genannte Notstandskabinett zu verabschie den. Hinzu kommen Fatah-interne Grabenkämpfe, in denen sich die führenden Köpfe angesichts eines kranken Jassir Arafat versuchen, für eine Zeit nach Arafat in Position zu bringen. Was von der internationalen Presse als„Chaos in Ramallah“ und„Machtvakuum“ interpretiert wird, ist letztendlich also nichts anderes, als der verzweifelte Versuch, die zarten Pflänzchen der palästinensischen Reform, mit der eine Stärkung des Parlaments einher ging, gegenüber dem alten, kranken Mann zu retten. Auf 30 Tage ist der Notstand laut Verfassung festgelegt und kann nur einmal – mit Zustimmung des Parlaments – verlängert werden. Bereits einen Tag nach der Einigung zwischen Ahmed Kurei und Jassir Arafat, erklärte der neue Premier seinen Rücktritt für die Zeit nach Ablauf der ersten 30 Tage. Es scheint als sei dies der Kompromiss, auf den sich die Reformbewegung in der Fatah mit ihrem realitätsfremden Vorsitzenden hat einigen können. In der palästinensischen Bevölkerung wächst in der Zwischenzeit die Wut über die eigene Führung, die angesichts ihrer Leiden, nur Zeit für den internen Machtpoker, aber keine neuen Lösungsansätze für den Konflikt mit Israel findet. Michèle Auga, FES Ost-Jerusalem, 14. Oktober 2003 1
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