Ein Jahr danach: Ostmitteleuropa in der Beitrittskrise? Politische Depressionen Die wichtigsten zentraleuropäischen Neumitglieder der EU sind in dem Jahr nach ihrem Beitritt in schwere innenpolitische Turbulenzen geraten: • In Polen hat die regierende sozialdemokratische SLD dramatisch an Popularität verloren. Am 2. Mai 2004, dem Tag nach dem Beitritt, vollzog Premier Leszek Miller seinen angekündigten Rücktritt. Sein Nachfolger, Ministerpräsident Belka, der bereits an einer Vertrauensfrage im Parlament gescheitert war, führt eine Minderheitsregierung, die wie das Kaninchen auf die Schlange der nächsten Wahlen starrt. Um sich vor der offensichtlich unvermeidlichen Niederlage zu retten, suchen viele Politiker der SLD ihr Heil in der Gründung einer neuen Partei. • In der Tschechischen Republik setzte sich Premier Spidla im Sommer 2004 nach einer parteiinternen Abstimmungsniederlage zur EU-Kommission ab. Die regierende Sozialdemokratische Partei hat inzwischen(April 2005) ihren Koalitionspartner verloren und ist damit ebenfalls in eine Minderheitsposition geraten. Ministerpräsident Gross musste zurücktreten. In Umfragen rangiert die Partei hinter der Kommunistischen Partei. • In Ungarn wurde erstmals seit den Wahlen 1990 in der laufenden Legislaturperiode ein Ministerpräsident gestürzt – von der eigenen Partei, der regierenden MSZP. Mit dem Sturz Péter Medgyessys und der Amtsübernahme durch Ferenc Gyurcsány sollte der zunehmende Popularitätsverlust der Regierungspartei aufgehalten werden, was allerdings nur kurzfristig gelang. • In Slowenien wurden die seit 1990(fast) ununterbrochen regierenden Liberaldemokraten und deren derzeitiger Koalitionspartner, die sozialdemokratische ZLSD, nach einem Erdrutsch-Wahlsieg der konservativen Demokratischen Partei in die Opposition verwiesen. Im Zentrum der Turbulenzen standen Parteien, die der Linken zuzurechnen sind. In drei der vier Länder(Polen, Ungarn, Slowenien) handelt es sich um Nachfolgeorganisationen der ehemaligen kommunistischen Staatspartei; in der Tschechischen Republik traf es eine„originäre“ sozialdemokratische Partei, von deren Niedergang paradoxerweise die nicht reformierten Kommunisten profitierten. Inwieweit stehen die innenpolitischen Krisen in einem nicht nur zeitlichen, sondern auch sachlichen Zusammenhang mit dem EU-Beitritt? Liegt, wie der ungarische Politikwissenschaftler Attila Ágh meint, eine die Länder übergreifende éçëíJ~ÅÅÉëëáçå=Åêáëáë= vor? Oder liegen den erwähnten Turbulenzen vornehmlich innenpolitische Krisenzyklen zugrunde, die nur zufällig miteinander und dem Beitritt koinzidieren? Die im Folgenden darzulegende These lautet, dass die politischen Internationale Politikanalyse Politik Info, Mai 2005
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