Konfliktanalyse Bosnien und Herzegowina, November 2005 erfahren, die mit Geldern der Golfstaaten, Indonesiens oder Malaysias finanziert werden, ist ein Indiz für die sinkende Attraktivität säkularer Angebote bei Jugendlichen. Ein Abgleiten größerer Gesellschaftsgruppen in den bislang in Bosnien marginalisierten fundamentalistischen Islam kann nicht ausgeschlossen werden. Auch Akteure aus dem von vielen über Jahre hinweg als tragende Säule einer starken Zivilgesellschaft betrachteten NGO-Sektor kommen nicht unbedingt als Motoren des Wandels in Betracht. Oft seit Jahren in die Detailarbeit ihrer Projekte involviert, streben viele Aktivisten gar keinen Einfluss mehr an auf das, was sie demütig als„die große“ oder„die harte Politik“ bezeichnen.„Zu sehr mit sich selbst beschäftigt“ oder„frustriert von der ablehnenden Haltung der Parlamentsparteien“ sind Sätze, die über Organisationen aus dem Menschenrechts- oder Flüchtlingsbereich immer wieder fallen. Freilich gibt es auch andere Stimmen.„Wir müssen aggressiver werden“, erklärt eine Aktivistin, die die Selbstbeschränkung des NGO-Sektors auf sein Spezialwissen nicht länger hinnehmen, sondern endlich überwinden will. Abschied von alten Gewissheiten verlangt auch der Umgang mit den Gewerkschaften. Unmittelbar nach dem Krieg sicherlich eine der wenigen Kräfte, die entitätsübergreifende Kontakte aufrecht erhielt, sehen sie sich zehn Jahre später nicht nur wegen geringer Mitgliederzahlen an den Rand gedrängt. Neben der miserablen wirtschaftlichen Situation hängt das vor allem mit der ausgebliebenen Strategieentwicklung zusammen. Eine erschreckende Politikferne lässt sich auch bei Spitzenfunktionären feststellen: Weder gelten linke Parteien hier per se als Bündnispartner, noch will man sich außerhalb der Interessensvertretung der eigenen Mitglieder engagieren. Weitaus mehr Potenzial für gesamtgesellschaftlichen Wandel könnten in den kommenden Jahren daher Wirtschaftstreibende aus beiden Entitäten entwickeln. Vertreter von Arbeitgeberverbänden und internationalen Organisationen wie der Weltbank zeigen sich überzeugt, dass das politische Zusammenwachsen durch ein starkes Wachstum und über die Entitäten hinweg Handel treibende Betriebe eine enorme Beschleunigung erfahren kann. Ein erst in der Amtszeit Ashdowns etabliertes einheitliches Zollwesen und die im Januar 2006 erwartete Einführung einer landesweiten Mehrwertsteuer lassen manchen Wirtschaftsexperten schon heute von tragenden Grundlagen eines einheitlichen Wirtschaftsraums sprechen. 2.3.3 Europäische Integration:„Von Dayton nach Brüssel“ Die Verschiebung des Beginns von EU-Beitrittsverhandlungen mit Kroatien im März 2005 wurde in Bosnien als Warnung verstanden: Wenn nicht einmal das wirtschaftlich und rechtsstaatlich weit vorangeschrittene Nachbarland akzeptiert wird, wie lange sollen wir dann noch warten, ehe die Aufnahme gelingen kann? Vor allem die Mitglieder des Ministerrats, die schon im Sommer 2004 grünes Licht erwartet hatten für den Verhandlungsbeginn über ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen(SAA) mit der EU, dürften im Frühjahr endgültig begriffen haben, dass die Geduld des 25-Staatenblocks zur Aufnahme neuer Mitglieder nicht unbegrenzt strapazierbar ist. So hielt sich auch das Aufatmen über den EURatsentscheid von Anfang Oktober 2005, nun doch Aufnahmegespräche mit Zagreb zu beginnen, in Mostar, Sarajevo und Banja Luka in Grenzen. Dass es keinen Automatismus in Richtung EU gibt, sondern das auf dem EU-Gipfel in Thessaloniki im Juni 2003 beschlossene Regattaprinzip gilt, wonach jedes Land nach seinen eigenen Leistungen bewertet wird, scheint inzwischen durchgedrungen. Vor allem aus taktischen Gründen hatte die Regierung von Premierminister Adnan Terzic in der Vergangenheit immer wieder 2009 als möglichen Aufnahmezeitpunkt genannt – ein aus Brüsseler Perspektive völlig unannehmbarer Termin, der zudem auf keiner realistischen Grundlage fußt. Zwar steht seit dem Westbalkan-Gipfel der EU in Thessaloniki die 19
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