Michael Dauderstädt Lohnnebenkosten: Nicht Beschäftigungsbremse, sondern Kollektivkonsum Wenn es ein nahezu unumstrittenes Argument in der deutschen Reformdebatte gibt, so lautet es: Die Lohnnebenkosten sind zu hoch! Sie müssen gesenkt werden, damit die Arbeitskosten sinken, wovon man sich mehr Beschäftigung erhofft – nicht zuletzt dank auf diese Weise steigender Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Niedriglohnländern. Sind die Lohnnebenkosten zu hoch? Das Argument lässt Zweifel auf verschiedenen Ebenen zu: 1. Haben wir überhaupt ein Wettbewerbsfähigkeitsproblem gegenüber Niedriglohnländern? 2. Steigt die Beschäftigung, wenn die Arbeitskosten sinken? 3. Wenn man die Arbeitskosten senken will, warum dann gerade bei den Lohnnebenkosten? Die Gründe, die erste Frage mit Nein zu beantworten, liegen angesichts eines hohen Exportüberschusses und der Existenz des Wechselkursmechanismus auf der Hand. Daher gehen wir hier nicht weiter auf sie ein, sondern verweisen auf„Sind unsere Löhne zu hoch?“(Dauderstädt 2006). Die zweite Frage ist eine der großen wirtschaftstheoretischen und-politischen Streitfragen. Offensichtlich sind Löhne der Preis der Arbeit und, wenn alles andere gleich bliebe, würde eine Senkung dieses Preises die Nachfrage nach Arbeit erhöhen. Aber alles andere bleibt nun mal nicht gleich, denn die Löhne sind eben auch ein gewichtiger Teil der Nachfrage und, wenn sie sinken, sinkt auch die Nachfrage und mit ihr die Neigung der Unternehmen, neue Arbeitskräfte anzustellen. Die Beschäftigungswirkungen einer Lohnsenkung sind also eher ambivalent. Genau da setzt die Forderung nach dem Abbau von Lohnnebenkosten an. Sinken sie, so bleibt das verfügbare Einkommen der Lohnempfänger gleich und man befindet sich anscheinend in der besten aller Welten: Zwar sinkt der Preis der Arbeit, aber nicht die Nachfrage! Leider greift diese Schlussfolgerung etwas zu kurz, denn auch die Lohnnebenkosten stellen einen Teil der Nachfrage dar, auf den im Folgenden näher eingegangen werden soll. Abgesehen davon bedeutet das Absinken bestimmter Kosten der Reproduktion der Arbeitskraft nicht automatisch, dass auch die Löhne sinken. Die Lohnnebenkosten bestehen aus Steuern und den Beiträgen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer zur gesetzlichen Renten-, Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung. Man könnte auch sagen, dass die Lohnempfänger damit bestimmte Leistungen kaufen. Mit ihren Steuern kaufen sie öffentliche Güter und Dienstleistungen wie Sicherheit, Recht, Infrastruktur, Erziehungsangebote für ihre Kinder und tragen zur soInternationale Politikanalyse Politik Info, Juni 2006
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Lohnnebenkosten : nicht Beschäftigungsbremse, sondern Kollektivkonsum
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