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Die Kehrseite des "Shining India"
Entstehung
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Die Kehrseite desShining India Renate Tenbusch, FES New Delhi, 31.08.2006 Wer den südwestlich der indischen Hauptstadt Delhi gelegenen internationalen Flug­hafen, Indira Ghandi International Airport kennt, reibt sich seit August dieses Jahres erstaunt die Augen: Der ansonsten graue und vom roten Saft des Paan gesprenkelte Granitsteinboden der Ankunftshalle glänzt blitzblank. Die vergammelten und ver­schmutzen Wartesessel wurden durch chromglänzende Sitzreihen mit strahlendblauen Polstern ersetzt. Die Beamten nehmen die Pässe an Schaltern aus Chrom und Glas ent­gegen. Man hat sie gegen die uralten, sozialistisch anmutenden Holzverschläge ausge­tauscht. Moderne Flachbildschirme zeigen Flug und Kofferband an. Anfang 2006 erhielt ein Konsortium privater Investoren den Zuschlag für den langfristi­gen Betrieb des Flughafens. Einer der neuen Betreiber ist das an der deutschen Börse notierte Unternehmen Fraport, Betreiberge­sellschaft des Frankfurter Rhein-Main­Flughafens. Anfang August übernahm die private Investorengruppe das vormalige Staatsunternehmen und ließ erst einmal kräftig aufräumen, um danach in Ruhe die Renovierung und Erweiterung des Flugha­fens in Angriff zu nehmen. Wohlstand und viel Armut: Der Wirtschaftsboom in Indien/ Foto dpa Die Privatisierung der wichtigsten Flughäfen in Neu Delhi und Mumbai unter Beteiligung ausländischer Investoren bildet einen weite­ren, innerhalb der Regierung, bei der Oppo­sition und den Gewerkschaften umstritte­nen Schritt, in Richtung Öffnung des indi­schen Marktes. Die seit Anfang der 90er Jahre fortschreitende Deregulierung, Privati­sierung und Liberalisierung lässt die indische Wirtschaft kontinuierlich um zuletzt durch­schnittlich acht Prozent wachsen. Die inlän­dische Sparrate steigerte sich auf 29 Pro­zent, die Inflation liegt bei moderaten 4 Prozent. Das Haushaltsdefizit liegt bei 3,8 Prozent des Bruttosozialprodukts. Für den Zeitraum 2005/2006 wird ein Wachstum von 8,1 bis 9,4 Prozent für das produzie­rende Gewerbe prognostiziert. Die indische Börse Sensex boomt entsprechend. Die Selbstmordrate auf dem Land steigt Die wie Pilze aus dem Boden sprießenden hochmodernen Büro-, Wohn- und Einkauf­komplexe mit Multiplexkinos in und um die Megastädte Indiens symbolisieren das neue Shining India. Die neue alte Mittelschicht ist Treiber und zugleich Profiteur der stetig wachsenden Binnenkonjunktur. Der Zugang zu privaten Krediten und steigende Ein­kommen von zuletzt bis zu 14 Prozent pro Jahr vor allem im Dienstleistungssektor der Technologie-, Finanz- und Versicherungs­sparten machen es möglich. Die urbane Mittelschicht zeigt zunehmend typisch west­liche Konsummuster. Autos, Haushalts- und Unterhaltungselektronik sowie Auslandsrei­sen, Kultur und Gastronomiebesuche stehen an oberster Stelle der Ausgabenliste. Doch der hausgemachte Wirtschaftsboom ver­stärkt die extreme soziale Ungleichheit ent­lang Kasten-, Stammes-, und Genderzuge­hörigkeit. VomShining India profitieren die indischen Eliten, die ihre Position durch das Festhalten am traditionell patriarchalen Patronagesystem zu sichern wissen.