Wolfgang Thierse Dialog der Kulturen – Das Fremde und das Eigene Quelle: Zeitschrift„Deutschland“, Ausgabe 2/2002 Dialog der Kulturen – Das Fremde und das Eigene Das Unwissen über andere Lebensformen ist der Nährboden für Extremismus. Was aber sind die Voraussetzungen für einen echten Dialog der Kulturen? Ein Essay von Wolfgang Thierse Es ist eine ebenso gängige wie irrige Auffassung, dass Geld die Welt regieren könne. Zwar wird niemand den Einfluss der Wirtschaft auf unser Leben ernsthaft in Abrede stellen, doch angesichts elementarer Krisen erweist sich immer wieder die Politik als unverzichtbarer Ordnungsfaktor, als gefragte Vermittlungsinstanz, als notwendige Gestaltungskraft – nach dem 11. September mehr denn je. Der internationale, fundamentalistisch motivierte Terror hat die Politik mit einer ganzen Reihe von Herausforderungen konfrontiert. Als erstes geht es darum, eine fanatische, global operierende Minderheit an weiteren Morden zu hindern. Terror ist die extremste, die perverseste Form eines aggressiven Fundamentalismus. Langfristig ist diesem erschreckenden Phänomen nicht mit Militäreinsätzen allein beizukommen. In Deutschland haben wir deshalb begonnen zu fragen, welche Maßnahmen zusätzlich erforderlich sind. Selbstverständlich brauchen wir eine internationale Gerichtsbarkeit, an der auch die USA mitwirken, um Kriegsverbrecher und global agierende Verbrecher wie Bin Laden verurteilen und einer gerechten Strafe zuführen zu können. Selbstverständlich brauchen wir internationale Kriminalitätsbekämpfung und die Möglichkeit, internationalen Terroristen den Zugang zu finanziellen und logistischen Mitteln zu versperren. Und selbstverständlich ist es höchste Zeit, sich des interkulturellen Dialogs konkreter als in Sonntagsreden zuzuwenden. Samuel Huntington, Urheber des gefährlichen Schlagworts vom„Kampf der Kulturen“, sagte jüngst ganz richtig, die Terroristen wollen diesen Kampf erzwingen, aber die Zivilisation müsse ihn vermeiden. Deshalb sehe ich die zweite Herausforderung darin, keine falschen Feindbilder zu malen. Es gibt keine feindlichen Kulturen. Die Auseinandersetzung lässt sich auch nicht auf religiösen Streit reduzieren – schon deshalb nicht, weil der islamistische Fundamentalismus Religion vereinnahmt, politisiert und instrumentalisiert. Den Dialog der Kulturen auf eine Auseinandersetzung zwischen Religionen zu konzentrieren hieße, in die“Islamistenfalle" zu tappen, von der der Islamwissenschaftler Mathias Rohe gesprochen hat. Die dritte, langwierigste Herausforderung ist es zu klären, wie ein richtiger, weil umfassend verstandener“Dialog der Kulturen und Religionen" geführt werden kann. Ich halte den interreligiösen Dialog für dringend notwendig, vor allem mit Blick auf www.fes-online-akademie.de Seite 1 von 5
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