Internationale Politikanalyse International Policy Analysis Christian Kellermann, Thomas Rixen und Susanne Uhl* Unternehmensbesteuerung europäisch gestalten Die Unternehmensteuerreform in Deutschland und die daraufhin angekündigten Steuersenkungen in England und den Niederlanden zeigen es wieder einmal: In der Steuerpolitik spielt der Standortwettbewerb inzwischen eine herausragende Rolle. Die vorgesehenen Satzsenkungen werden damit begründet, dass sie notwendig seien, um die Attraktivität des Standortes zu erhalten. In ganz Europa argumentieren Politiker, dass der Steuerwettbewerb sie zur Steuersenkung zwinge. Die vorgebrachten Handlungszwänge stehen in merkwürdigem Gegensatz zu der von den Regierungen immer wieder behaupteten nationalstaatlichen Souveränität in Steuerfragen. Mit dem Argument, dass die Steuersouveränität unverzichtbarer Teil ihrer Staatlichkeit sei, haben die Mitgliedstaaten in der Vergangenheit die allermeisten Versuche zur zumindest teilweisen europäischen Harmonisierung der direkten Steuern zurückgewiesen. Das Festhalten an der nationalen Steuersouveränität ist aber kontraproduktiv, weil die Mitgliedstaaten zwar formal die Entscheidungshoheit über ihre Steuerpolitik behalten, der Steuerwettbewerb ihnen aber faktisch die reale politische Gestaltungsfähigkeit längst genommen hat. Tatsächlich lässt sich die nationale Politikautonomie zur Gestaltung eines sozial gerechten und * Dr. Christian Kellermann, Friedrich-Ebert-Stiftung, christian.kellermann@ fes.de, Dr. Thomas Rixen, Dr. Susanne Uhl, Jacobs University Bremen Kurzfassung des gleichnamigen Gutachtens von Susanne Uhl und Thomas Rixen, erstellt im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Originalfassung kann unter http://www.fes.de/internationalepolitik/taxes/ heruntergeladen werden. effizienten Steuersystems nur zurückerlangen, wenn die Staaten sich nicht einfach individuell dem Wettbewerb anpassen, sondern es ihnen gelingt, den Wettbewerb gemeinsam zu regulieren. Dazu müssen zumindest bestimmte Aspekte der Steuerpolitik europäisch harmonisiert werden. Eine Europäisierung der Steuerpolitik ist kein Widerspruch zur nationalstaatlichen Gestaltung der Politik, sondern, ganz im Gegenteil, ihre Voraussetzung. Die Struktur des Steuerwettbewerbs und seine negativen Folgen Steuerwettbewerb entsteht, wenn die Staaten ihre Steuerpolitik strategisch einsetzen, um Unternehmen, Direktinvestitionen oder andere ökonomische Güter anzulocken. Angetrieben wird der Wettbewerb zwischen den Staaten durch die Unternehmen, die auf die von den Staaten gesetzten Steueranreize reagieren. Allerdings sind die Steuern für die Unternehmen nur ein Standortfaktor unter vielen. Man weiß, dass Größen wie Marktzugang, Infrastruktur, Arbeitskosten und das Ausbildungsniveau vor Ort die reale Standortwahl und die Investitionsentscheidungen von Unternehmen stärker beeinflussen als Steuern dies können. Allein wegen einer höheren Steuerbelastung wandert ein Betrieb nicht ins Ausland ab. Leider bedeutet dies aber nicht, dass der Steuerwettbewerb als Problem vernachlässigt werden kann. Unternehmen müssen JULI 2007
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