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Kollabierendes Kreditsystem
Entstehung
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Internationale Politikanalyse International Policy Analysis Christian Kellermann Kollabierendes Kreditsystem »Stress-Test«,»Turbulenzen« oder»globale Finanzkrise syste­mischen Ausmaßes« zwischen diesen Schlagworten bewegen sich in den letzten Wochen die zahllosen Analysen der Krise am US-amerikanischen Immobilienmarkt und ihrer Rückwirkungen auf das globale Finanz- und Wirtschaftssystem. Die unterschied­lichen Einschätzungen sind zum einen darauf zurückzuführen, dass die Informationszugänge der beteiligten Akteure stark variieren. Zum anderen ist es selbst Insidern nur schwerlich mög­lich, das gesamte Ausmaß abzuschätzen, da ein Merkmal der Krise die vielfach verschränkten, intransparenten Kreditstruktu­ren sind, die häufig erst im Insolvenzfall sichtbar werden. Die spektakulären Fälle der Deutschen Kreditbank IKB und der Sach­sen LB haben das deutlich gemacht. Dass es sich um eine Krise handelt, legen zunächst einmal die Reaktionen der großen Zentralbanken, allen voran der Europä­ischen Zentralbank(EZB), nahe. Nachdem der Markt für Interban­kenkredite Anfang August extreme Zinsaufschläge verbuchte ein Zeichen der Verunsicherung im Markt intervenierte die EZB mit der Bereitstellung massiver zusätzlicher Liquidität. Es folgten weitere Liquiditätsspritzen der EZB, der US-amerikanischen No­tenbank Federal Reserve(Fed), sowie der Zentralbanken Kana­das, Japans und Australiens. Die Fed senkte zudem den Leitzins Dr. Christian Kellermann, Friedrich-Ebert-Stiftung, christian.kellermann@fes.de Ich danke Dr. Norbert Wieczorek und Marius Müller-Hennig für die wertvollen Kommentare zu diesem Text. als weiteren geldpolitischen Impuls. Sie setzte sogar für zwei Großbanken die letzten Reste des Trennbankenprinzips in den USA außer Kraft und weichte die Vorschriften für die Besiche­rung von Darlehen auf. Der temporäre Liquiditätsengpass konnte durch die Aktionen zunächst überwunden werden. Trotzdem ist die Krise noch nicht ausgestanden, denn es handelt sich eben nicht um eine reine Liquiditätskrise, sondern um eine Kredit- und Solvenzkrise von noch nicht absehbaren Dimensionen. Unklar sind vor allem die Rückwirkungen der Finanzkrise auf die»reale« Ökonomie, also auf Investitionen, Produktion und vor allem den privaten Kon­sum. Aber wie konnte es überhaupt soweit kommen? Für eine erste Krisenanalyse müssen mehrere Stränge, die diesen Prozess be­förderten, zusammengeführt werden: Zum einen spielt das Zinsniveau in den USA eine entschei­dende Rolle und damit das globale Zinsgefälle, zum anderen sind die neuen Finanzmarktakteure und In­strumente zu nennen, die dieses»Spiel« maßgeblich domi­nieren. Letztlich wäre eine solche Blase aber auch nicht denkbar ohne einen inadäquaten Regulierungsrahmen. Aufbauend auf dieser Analyse werden die potenziellen Rück­wirkungen der Finanzkrise auf die»reale« Wirtschaft skizziert und abschließend einige, der»günstigen« Gelegenheit an­gemessene Regulierungsvorschläge unterbreitet. SEPTEMBER 2007