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Über den rechten Umgang mit den Vermögensträumen der Wähler : eine Fußnote zur südkoreanischen Parlamentswahl vom 9. April 2008
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1 Über den rechten Umgang mit den Vermögensträumen der Wähler Eine Fußnote zur südkoreanischen Parlamentswahl vom 9. April 2008 Werner Kamppeter, April 2008, FES Korea Südkorea hat am 19. Dezember 2007 einen neuen Präsidenten und am 9. April 2008 ein neues Parlament gewählt. In beiden Fällen hat sich das konservative Lager recht überzeugend durchsetzen können. Für den außenstehenden Beobachter waren bei­de Wahlen Protestwahlen, und zwar der fiktiven Art, denn die Unzufriedenheit richtete sich in erster Linie gegen die aus Sicht von Medien, Opposition und Wahlvolk miserable Wirtschafts­politik der Regierung Roh Moo Hyun, eine Wirt­schaftspolitik, die sich mit jährlichen Wachstums­raten von BSP und Lohneinkommen von 4,5 bzw. 7 Prozent und einer Arbeitslosenquote von 3 Prozent unter OECD-Ländern durchaus sehen lassen konnte. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass das eigentlich Miserable an der Wirtschaftspolitik war, dass sich die Wähler durch von der Regie­rung Roh Moo-Hyun eingeführte Immobilien­steuern in ihren Vermögensträumen bedroht fühlten. Wie das? Dazu muss ein bisschen ausgeholt werden. Im Großraum Seoul leben heute annähernd 25 Millionen Menschen, also in etwa die Hälfte der Bevölkerung des Landes. 1960 hatte die Stadt selbst gerade einmal 2,5 Millionen Einwohner; heute sind es etwa 12 Millionen. Das Prokop­feinkommen lag damals bei 80, heutzutage bei über 20000 Dollar. Der Druck von Bevölkerung und Einkommen ließ die Immobilienpreise all­jährlich kräftig steigen, während sich die Bau­wirtschaft zur wichtigsten Wirtschaftsbranche und zur Quelle von allerlei legal und auf Umwe­gen erworbenen Einkommen und Vermögen, auch der politischen Klasse, mauserte. Vor allem südlich des Han, eines beeindruckend breiten Flusses, der das heutige Stadtgebiet von Seoul teilt, konnten auf diese Weise gar nicht wenige Haushalte durch geschicktes Kaufen und Ver­kaufen von Wohnungen und Grundstücken be­trächtliche Immobilienvermögen ansammeln. Von dieser Dynamik profitierte vor allem das südliche Stadtgebiet, d~åÖå~ã. Wer dort wohnt, ist wohlhabend und kann sich der Be­wunderung und des Neids fast aller anderen Koreaner sicher sein. Lee Myung-bak, der im Dezember gewählte neue Präsident, war von 2002-6 Bürgermeister von Seoul. Er kam aus der Bauwirtschaft(war von 1965-92 beim Bauunternehmen von Hyun­dai, und seit 1977 in der obersten Manage­mentetage), und er hatte sich die urbane Erneu­erung der Stadt Seoul zum Ziel gesetzt. Dazu gehörten eine ganze Reihe von sog. New Towns im nördlichen, bis dahin vernachlässigten Teil von Seoul: die Bewohner von Gangbuk, also dem Gebiet nördlich des Han Flusses, sollten nun endlich auch die Chance haben, so komfortabel wie die Leute im Süden zu leben. Natürlich wur­de dadurch eine Preisspirale in Gang gesetzt, nicht zuletzt kauften sich die wohlhabenden Hausfrauen(die Ehefrauen sind in Korea für Konsum- und Vermögensentscheidungen zu­ständig) aus Gangnam im Norden ein, um von dem Boom zu profitieren. Zunächst einmal boomten die Immobilienmärkte im Süden und in anderen Großstädten, nachdem die IMF-Krise 1997-98 ausgestanden war, wei­ter. Der Boom wurde zusätzlich durch die Ban­ken alimentiert. Diese fingen nämlich nach der Krise damit an, Hypothekenkredite zu vergeben (vorher durften sie nur die Investitionen der Un­ternehmen finanzieren). Da der jährliche Zu­wachs der Immobilienpreise in den Neubauge­bieten deutlich über dem Hypothekenzinssatz lag, nahm man diese Angebote der Banken ger­ne in Anspruch, freilich zum Preis wachsender Verschuldung der privaten Haushalte. Ähnlich wie im sub-prime market in den USA vergaben die Banken sogar Hypotheken an Haushalte, deren Einkommen nicht ausreichten, um diese zu bedienen und zurückzuzahlen. Die boomen­den Preise waren ihnen Sicherheit genug. Im­mobilienmärkte tendieren durch über- und un­terschießende Erwartungen und Herdentrieb,