Juli 2008 Vietnam- die„Erneuerungspolitik“ in ihrer bisher größten Belastungsprobe Jörg Bergstermann, FES Hanoi und Axel Neubert, CIM-Experte und Berater des Central Institute for Economic Management, Hanoi • Innerhalb kurzer Zeit korrigierten mehrere internationale Rating-Agenturen die Zukunftsaussichten Vietnams trotz solider wirtschaftlicher Basisdaten und eines weiterhin stabilen politischen Systems nach unten. Plötzlich wird darüber spekuliert, inwieweit sich in diesem südostasiatischen Land von der Größe und Bevölkerungszahl Deutschlands gar eine neue Asienkrise abzeichnet. • Dabei wurde Vietnam noch vor einem Jahr als kleiner asiatischer Tiger auf dem Sprung gefeiert. Exporterlöse, Auslandsinvestitionen und Börsenkurse erreichten historische Höchststände. • Die Situation ist vielschichtig und komplex, in wirtschaftlicher wie gesellschaftspolitischer Hinsicht. Dem Transformationsland Vietnam stellen sich die derzeitigen Herausforderungen in dieser Form und Kombination zum ersten Mal. • Im Unterschied zu manchem„westlichen Vorurteil“ unterliegen aber auch im sozialistischen Vietnam schwierige und richtungsweisende Entscheidungen einem komplexen politischen Prozess, der nicht beliebig zu verkürzen ist. Die sozialistische Republik Vietnam, das„Wirtschaftswunderland“, vollzieht gerade den Schritt in eine neue Phase seines wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbaus. Nach einer Periode der wirtschaftlichen Öffnung und schnellen Weltmarktintegration, der Deregulierung und Liberalisierung ist Vietnam nun angekommen in der Phase der internen Erneuerung – der Institutionenbildung, der Verwaltungsreform sowie des Umbaus von Finanzaufsicht und Rechtsvorschriften. Parallel dazu differenziert sich auch die Gesellschaft weiter aus: zahlreiche junge Leute vom Lande konnten in den vergangenen Jahren erstmals in den formalen Arbeitsmarkt integriert werden. Eine städtische Mittelklasse begann zu entstehen im festen Glauben an Aufschwung und schnellen Wohlstand. Der Mythos vom baldigen Reichtum durch harte Arbeit, aber auch durch Spekulation an der Börse oder am Immobilienmarkt, ist weit verbreitet und eine wachsende Anzahl von Reichen können inzwischen ganz selbstverständlich Luxuskarossen spazieren fahren, deren Besitz sie vor noch gar nicht allzu langer Zeit gesellschaftlich stigmatisiert hätte. Unglücklicherweise für Vietnam finden diese Prozesse zeitgleich statt mit einem weltweiten Inflationsschub, insbesondere hervorgerufen durch Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln und Ölprodukten. Zudem hat die internationale Finanzkrise den Blick für die Anfälligkeiten von Banken und von Spekulationsblasen geschärft. Es wäre allerdings zu einfach und zu kurz gegriffen, Vietnams derzeitige Sorgen und Nöte vorrangig auf diese internationalen Krisenfaktoren zu schieben. Denn Vietnam ist sowohl Nettoexporteur von Öl als auch von Lebensmitteln und weit weniger integriert in die globale Finanzwelt als viele andere Länder der Region.
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Vietnam - die "Erneuerungspolitik" in ihrer bisher größten Belastungsprobe
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