RUSSLANDS PERSPEKTIVEN 10 / 2008 10/2008 Soziale Gerechtigkeit und Paradoxien im Werdegang des Sozialstaates in Russland Ruslan Grinberg Zusammenfassung: Ist ein Sozialstaat nur mit einem liberalen Marktmodell möglich? Viele der Ratschläge, die Schwellenländer gegeben werden, basieren auf der Annahme eines Automatismus von wirtschaftlicher Entwicklung und der Herstellung von sozialer Gerechtigkeit. Russlands Erfahrungen mit der Systemtransformation stellen dieses Konzept in Frage, wie der Autor dieser Analyse konstatiert. Er greift damit eine Debatte auf, die nach den neuerlichen Erschütterungen an den Weltfinanzmärkten auch in den entwickelten Staaten wieder verstärkt geführt wird. Für die Antwort auf die Frage, ob die heutigen Wirtschaftsmodelle noch soziale Gerechtigkeit ermöglichen, können die russischen Erfahrungen hilfreich sein. Zum Autor: Prof. Ruslan Grinberg ist Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften und Direktor am dortigen Institut für Wirtschaft. In seinen zahlreichen Publikationen beschäftigt er sich vorrangig mit den wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen der Transformation in Russland und zeigt mögliche Reformen der aktuellen Sozialpolitik auf. Die Idee der Gerechtigkeit zeigt nicht nur eine große Zählebigkeit, sie offenbart sich auch in mannigfaltigen Varianten. Dieser Idee wandten sich Vertreter aller signifikanten philosophischen Schulen zu, doch traten in allen ihren Interpretationen auch recht große Unterschiede zutage. Aristoteles hielt die Gerechtigkeit bekanntlich für eine wichtige Voraussetzung der Stabilität im Staate. Einige Philosophen verbinden hierbei aber die Gerechtigkeit mit dem Individualismus, andere dagegen mit dem Kollektivismus. So sei nach Platons Meinung alles gerecht, was den Interessen des Staates diene, und damit solle sich auch das Leben jedes Menschen sowie der Gesellschaft insgesamt nach dieser Gerechtigkeit richten. Die Klassiker des Liberalismus als philosophischer Strömung verbinden die Gerechtigkeit mit der Einhaltung der Gesetze und mit den Normen der protestantischen Ethik. Benjamin Franklin definierte die Gerechtigkeit vor allem als Ausdruck der Ehrlichkeit. In der Epoche der Aufklärung verknüpfte man den Gerechtigkeitsbegriff mit den Menschenrechten wie Gleichheit, Rede-, Religions- und Versammlungsfreiheit. Die klassische deutsche Philosophie begründete den Zusammenhang zwischen der Gerechtigkeitsidee und der Organisationsform von Gesellschaft und Staat. Für die Utopisten bildete die soziale Gerechtigkeit den Mittelpunkt aller ihrer Überlegungen, wurde jedoch auf Gleichmacherei reduziert. Die Klassiker des Marxismus definierten den Kommunismus als"realen Humanismus"(Karl Marx). Die neuere Philosophie bindet die Gerechtigkeit erneut fest an die Verhaltensethik und die Ehrlichkeit, obwohl Karl Jaspers zum Beispiel die Gerechtigkeitsidee für ein Scheinproblem hielt, das sich grundsätzlich nicht lösen lässt, weil in der Gesell1
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Soziale Gerechtigkeit und Paradoxien im Werdegang des Sozialstaates in Russland
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