Finanzkrise: Kommt Brasilien glimpflich davon? Jochen Steinhilber Auch in Brasilien ist der Moment der süßen Genugtuung(und Hoffnung), dass dieses Mal die entwickelten Märkte für die Krise verantwortlich sind und deren Phänomene wie Währungsverfall, Bankenpleiten, Kreditklemme und Sicherungsfonds auch auf London, Frankfurt und New York beschränkt bleiben, rasch verstrichen. Dass Kapital ein flüchtiges Gut ist, musste das Land in den vergangenen Monaten schmerzlich erfahren. Als einer der Profiteure der globalen Kapitalschwemme in den letzten Jahren war Brasilien panikartigen Entwicklungen auf den Finanzmärkten stärker ausgesetzt als andere Länder. Die starke Aktienhausse in den vergangenen Jahren wurde nicht zuletzt durch den massiven Zufluss von Kapital aus dem Ausland getrieben, das nun teilweise wieder abgezogen wurde und kurzfristig nicht kompensiert werden konnte. Der Index der Börse in São Paulo stürzte allein an einem Tag um zehn Prozent ab und fiel binnen eines Monats um 30% – ein noch brutalerer Fall als der des Dow Jones Index – und erholt sich seitdem nur langsam. Der Real verlor gegenüber dem Dollar 32% und ist heute nach wie vor ein Viertel schwächer als im September. Prima Klima? Die nur langsame Entspannung auf dem Börsenparkett in São Paulo deutet darauf hin, dass die Höhenflüge am brasilianischen Aktienmarkt zwar erst einmal vorbei sind. Doch es ist wenig wahrscheinlich, dass aus den Turbulenzen auf den Finanzmärkten eine Währungsoder gar Staatskrise erwächst – ein Szenario, das für einige Nachbarn Brasiliens durchaus plausibel ist. Dass Brasilien mit Blessuren davon kommen könnte, liegt auch daran, dass es heute besser gerüstet ist als in den vergangenen Krisen. Das Land hat seine Schulden beim IWF vorzeitig getilgt, die Auslandsschulden von 42% des BIP(2002) auf 15%(2007 – rund 200 Milliarden USD) reduziert, die Inflationsrate trotz eines leichten Anstiegs in den letzten Monaten auf niedrigem Niveau gehalten sowie auf die stetigen Kapitalzuflüsse reagiert, indem es 204 Milliarden USD Devisenreserven angesammelt hat. 2008 erklärte sich Brasilien damit zum internationalen Gläubiger, und nachdem der„spread“, der Aufschlag für das Länderrisiko, stetig gefallen war, gab es im Frühjahr diesen Jahres die lang erhoffte Belohnung: Die großen Ratingagenturen verliehen Brasilien einen„Investmentgrade“, durchaus ein Erfolg, denn Reputationen von ehemaligen Bankrottstaaten, die erst 2002 in ihrer letzten Finanzmarktkrise steckten, ändern sich meistens nur langsam. Heute zählt das Land laut UNCTAD zu den fünf beliebtesten Investitionsstandorten weltweit. Neben den guten Fundamentaldaten sprechen auch die Struktur und das Management des brasilianischen Finanzsektors dafür, dass für Brasilien die Sache glimpflicher ausgehen könnte. Ein Zusammenbruch einer brasilianischen Großbank ist nicht zu erwarten. Der Bankensektor und der Kreditmarkt sind in Brasilien stärker durch nationale Institute geprägt, die Refinanzierung erfolgt in erster Linie über den nationalen Markt, brasilianische Banken haben nur geringe Verbindlichkeiten im Ausland. Öffentliche Banken spielen mit knapp 40% des Kreditvolumens eine große Rolle und nur 30% der Bankeinlagen sind in ausländischem Besitz(in Mexiko sind es 80%). Im Unterschied zu den USA hat Brasilien auch mit der schrittweisen Implementierung des Basel II-Abkommens begonnen. Auch die mit Devisenreserven gut gefüllte Kriegsbörse ist ein beruhigendes Polster, wenngleich es noch keine Anzeichen dafür gibt, dass die Regierung sie leeren will. Bisher hat die Zentralbank erst 5% eingesetzt, andere Länder wie Russland z.B., haben in der Krise wesentlich mehr Devisen verbrannt. Unter allen Umständen möchte die Zentralbank vermeiden, dass der Eindruck entsteht, sie würde Dollars opfern, um den Real zu stützen, da dies Spekulationen gegen die brasilianische Währung befördern würde. Die brasilianische Wirtschaft wird sich nach den Jahren der stetigen Aufwertung auf einen volatileren, aber insgesamt schwächeren Real einstellen müssen. Letzteres ist nicht unbedingt eine schlechte Nachricht.
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