Druckschrift 
Freiheit und Gleichheit
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Julian Nida-Rümelin Freiheit und Gleichheit Freiheit und Gleichheit Von Julian Nida-Rümelin I. Einführung Freiheit und Gleichheit sind die beiden Grundnormen der im Zuge der Aufklärung sich herausbil­denden europäischen Demokratie, sie bilden den Anfang und gegebenenfalls auch das Ende der modernen politischen Philosophie. Statt vonGrundnormen können wir auch von denGrund­werten der Freiheit und Gleichheit sprechen. Solange das Verhältnis konsequentialistischer und deontologischer Bestimmungen nicht thematisch wird, können diese beiden Charakterisierungen als austauschbar gelten. Diese beiden Grundnormen sind uns so selbstverständlich geworden, dass wir ihre Besonderheit leicht verkennen. Es ist Immanuel Kant, der die Besonderheit dieser beiden Normen wie kein ande­rer europäischer Philosoph auf den Begriff bringt, der zurückgezogen lebende, in Manchem weltab­gewandt erscheinende Gelehrte aus Königsberg hat der europäischen Demokratie und der modernen politischen Philosophie erst klar gemacht: Freiheit ist keine Willkür, Freiheit erschöpft sich nicht in Autarkie, also darin, keine Herrschaft über sich zu dulden, Freiheit haben wir nur als Vernunftwe­sen, d.h. als solche Akteure, die nach Maximen handeln, die verallgemeinerbar sind. Menschen sind frei insofern sie sich von Gründen Gründen zu urteilen und Gründen zu handeln leiten lassen. Freiheit ist also zu verstehen als Autonomie. Gleich sind wir ebenso als Vernunftwesen. Als solche, die sich wechselseitig die Fähigkeit nach Gründen zu handeln und zu urteilen zuerkennen. Unabhängig vom sozialen Stand, politischer oder ökonomischer Macht erkennen wir uns als Gleiche an insofern wir uns als Vernunftwesen sehen. Wir bringen Gründe vor Gründe etwas zu glauben und Gründe etwas zu tun, wenn wir mit An­deren human, wie es dem Menschen als Vernunftwesen gemäß ist, interagieren. Die Menschen­würde ist zunächst eine individuelle. Menschen haben eine spezifische Würde, insofern sie in der Lage sind, nach Gründen zu handeln und zu urteilen, insofern sie Vernunftwesen sind, insofern wir www.fes-online-akademie.de Seite 1 von 15