Sonja Profittlich Politische Generationen in der Sozialdemokratie Politische Generationen in der Sozialdemokratie Von Sonja Profittlich Zum Generationenbegriff „Nachdem man aufgehört hat, die Gesellschaft in Klassen gegliedert zu sehen, teilt man sie gern in Generationen ein“ 1 . Dies bemerkte Jürgen Kocka in einem Aufsatz zu politischen Generationen. Und in der Tat muss an dem Begriff der politischen Generation als politikwissenschaftlicher Kategorie etwas mehr sein als die bloße Periodisierung von Alterskohorten in eine Generationenabfolge, damit der Begriff seine wissenschaftliche Berechtigung hat. Eine politische Generation ist daher nach Kocka auch eine Art Kampfbegriff, eine nicht nur durch die Wissenschaft in der Nachbetrachtung übergestülpte Messlatte, sondern auch ein aus der Sicht der Betroffenen durchaus politisch verstandenes Kriterium der Abgrenzung: die„Altvorderen“ da oben, wir Zukunft hier unten am Ende der Machtpyramide. Der„Kampf“ macht den politischen Generationenwechsel oft zum Generationenkonflikt. Ihre generationelle Konformierung erhalten die Alterskohorten dabei durch das gemeinsame Erleben – oder den gemeinsam durchgeführten„Glaubenskrieg“. Eine politische Generation zeichnet sich durch eine einheitliche Grenzerfahrung aus(wie der bedingungslosen Kapitulation 1945 und dem nachfolgenden Zusammenbruch des Dritten Reichs), durch ein gemeinsames Gesellschaftsbild (wie die im Klassenkampf geeinte Generation um August Bebel) oder durch den kollektiv empfundenen Identitätswandel einer Gesellschaft(wie er durch die 68er mit initiiert wurde). Entlang dieser Demarkationslinien verlaufen die Bezeichnungen für solche Generationen. Die Generation derer, deren Jugend und junges Erwachsenenalter im Dritten Reich verlebt wurde, wird gerne als„HJ-, Flakhelfer – oder Soldatengeneration“ bezeichnet, oder, unter Berücksichtigung ihres wohl prägendsten Erlebnisses, als„Generation der 45er“ 2 . In der Typologie der Generationenforschung zur Geschichte der Bundesrepublik stehen Begriffe wie Gründergeneration(die demokratischen Neubegründer um Konrad Adenauer) oder Aufbaugeneration(die Generation Kohl) im Vordergrund, 1 Jürgen Kocka, Reformen, Generationen und Geschichte, in: Die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, B.8(2004), S.34-37(S.34). 2 Vgl. dazu Dirk Moses, Die 45er. Eine Generation zwischen Faschismus und Demokratie, in: Neue Sammlung 40 (2000), S. 233-263. Moses stellt hier den Zusammenbruch des Dritten Reichs als einigende Erfahrung dieser Generation da. Es handelt sich hierbei besonders um diejenigen, die im Dritten Reich aufwuchsen und wesentlich sozialisiert wurden und kaum andere Erfahrungen gemacht hatten als das Leben in einem totalitären Regime. www.fes-online-akademie.de Seite 1 von 18
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