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Bildung für ein gutes Leben
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Johano Strasser Bildung für ein gutes Leben Bildung für ein gutes Leben 1 Von Johano Strasser Non scholae, sed vitae, nicht für die Schule, sondern für das Leben haben wir zu lernen. Diese Re­gel aus der klassischen Antike gilt heute als Gemeinplatz. Auch für Sozialdemokraten. Aber was ist das Leben, auf das wir unsere Bildungsanstrengungen ausrichten sollten? Darüber, so scheint es, besteht keineswegs Einigkeit. Auch unter Sozialdemokraten nicht. Führende Politiker in allen Parteien scheinen heute unter dem Leben oft nur das Getriebe der Wirt­schaft, die Transaktionen auf den Märkten, die Herausforderungen von Beruf und Karriere zu ver­stehen. Sie betrachten Bildung fast ausschließlich unter ökonomischen Gesichtspunkten. Entsprechend wird die Diskussion um die Reform von Schule und Hochschule seit Jahren von zwei Fragen dominiert: erstens, wie Bildung und Ausbildung besser den Qualifikationsanforderungen der Wirtschaft angepasst werden, und zweitens, wie die spezifischen Kosten für Bildung und Ausbil­dung reduziert werden können. Bei Sozialdemokraten kommt als dritte Frage hinzu, wie echte Chancengleichheit auf dem Gebiet der Bildung garantiert werden kann, oder: wie verhindert werden kann, dass ein wachsender Teil von Kindern und Jugendlichen schon am Beginn ihres Lebens aufs tote Gleis geschoben werden, weil sie durch alle Bildungsraster fallen. Niemand wird bestreiten, dass die Chancen auf dem Arbeitsmarkt heute in hohem Maße von den im Bildungssystem erworbenen Qualifikationen abhängig sind, und selbstverständlich müssen Sozial­demokraten, die sich von den Grundwerten der Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität leiten lassen, dafür eintreten, dass das Bildungssystem möglichst allen Menschen diese Chancen eröffnet. Dabei gehört es zu den dringlichsten Aufgaben einer sozialdemokratischen Bildungspolitik, der Vererbung von Armut und Randständigkeit entgegenzuwirken, indem man auch Kindern aus den unteren Schichten ermöglicht, jene Qualifikationen zu erwerben, die sie brauchen, um auf den Arbeits­märkten der Zukunft zu bestehen. Dennoch, die in dieser Art, das Problem der Bildung zu betrachten, enthaltene Gleichsetzung von Bildung mit dem Erwerb verwertbarer Qualifikationen ist höchst problematisch. Sie bedeutet eine 1 Dieser Text basiert auf dem Manuskript eines Vortrages, den Johano Strasser am 9. November 2006 im Rahmen der Jahrestagung des"Forum Scholars For European Social Democracy" in der Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin gehalten hat. www.fes-online-akademie.de Seite 1 von 12