RUSSLANDS PERSPEKTIVEN 05/2008 Das„Zwei-Schlüssel-Prinzip“ Oksana Gaman-Golutwina Zusammenfassung: Was bedeutet der Wechsel von einem zu zwei Machtzentren an der Spitze des russischen Staates? Ausgehend von der seit Jahrhunderten bestehenden starken Machtkonzentration und Personifizierung in der russischen Regierung sowie gleichzeitig bestehenden intensiven Konflikten zwischen den Eliten, analysiert die Autorin die möglichen Auswirkungen der Veränderung in der Machtverteilung. Hierzu betrachtet sie bereits bestehende Spielräume für die Verlagerung der Vollmachten zwischen den Machtzentren und skizziert wie diese genutzt werden, um das Amt des Ministerpräsidenten aufzuwerten. Sie beschließt mit der Prognose, dass sich zunächst sowohl zwei Machtvertikalen als auch, und in der Folge hierzu, Doppelloyalitäten entwickeln werden. Zum Autor: Professor Dr. Oksana Gaman-Golutvina ist eine führende Analystin der Entwicklung von Russlands Eliten. Sie lehrt und forscht an der Universität für Internationale Beziehungen(MGIMO), ist Vizepräsidentin der Russischen Assoziation der Politikwissenschaften und Mitglied der Akademie der Politikwissenschaften in Russland. 1. Die Machtkonstellation, die in der Russischen Föderation nach dem 7.-8.- Mai 2008 entstanden ist, sieht für die russische Politik ungewöhnlich aus. Bisher bestand die Tradition im Verlauf mehrerer Jahrhunderte in der nachhaltigen Konzentration der politischen, wirtschaftlichen und symbolischen Ressourcen auf ein Zentrum, welches die Obergewalt – das Staatsoberhaupt – darstellte. In der russischen Geschichte kann man wenige Beispiele der „Doppelherrschaft“ finden(Zar Michail Romanow und Patriarch Philaret, die Provisorische Regierung und die Deputiertensowjets 1917). Allerdings waren diese Beispiele nur Ausnahmen und bestätigen vielmehr die Regel. 2. Die russische Politik hat einen ausdrücklich personifizierten Charakter. In Russland ist nicht nur„der Dichter mehr als einfach ein Dichter“, die Persönlichkeit des Staatsoberhaupts hat einen erheblichen Einfluss auf den strategischen Entscheidungsprozess: die Persönlichkeit ist immer noch wichtiger, als die Institute. Jedoch kann nach dem Verzicht Putins, für eine dritte und somit nicht mehr verfassungskonforme Amtszeit anzutreten, von der Stärkung der formellen Legalität und Achtung des Gesetzeswortlauts im politischen Leben des Landes gesprochen werden. 3. Eine Besonderheit des russischen politischen Systems(sowohl in der Geschichte als auch heute) bestand in der Kombination eines hohen Maßes an Machtkonzentration mit einem hohen Maß an Konflikten innerhalb der Eliten. Im postsowjetischen Russland erreichten diese Konflikte ihren Höhepunkt in den 1990-er Jahren, als der„Krieg aller gegen alle“ zum Mechanismus der Verhältnisse und die Kalaschnikow zum Instrument der Kooperation innerhalb der 1
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