RUSSLANDS PERSPEKTIVEN 06/2009 06 / 2009 "P olitische Aufklärung im heutigen Russland " Wiktor Pilipenko Zusammenfassung: In seinem Artikel unterscheidet Wiktor Pilipenko zwischen den Begriffen der„ politischen Bildung“ und der„ politischen Aufkl ä rung“ – während politische Bildung einen bestimmten Komplex von Kenntnissen, Tatsachen und Einstellungen vermittelt, baut die politischen Aufklärung diese in das Wertesystem der Gesellschaft ein. Der Autor spricht von der Wichtigkeit eines institutionalisierten und staatlich geförderten Systems politischer Aufklärung und zeigt auf, warum die neuesten Versuche der russischen Regierung auf diesem Gebiet missglückt sind. Zum Autor: Dr. Wiktor Pilipenko ist Direktor des Wissenschafts- und Forschungsinstituts für soziale Anthropologie der Stadt bei der Wolgograder Akademie des öffentl ichen Dienstes. In den letzten Jahren ist in Russland nur selten von der politischen Aufklärun g die Rede — viel seltener, als zum Beispiel von politischer Bildung. Das ist kein Zufall. Politische Bildung ist funktionell und technologiegerecht, ihre Inhalte sind klar — es geht um den sozialpädagogischen Prozess, welcher auf die Herausbildung eines Systems der Kenntnisse über das politische System, politische Prozesse und Subjekte der politischen Bildung ausgerichtet ist. Politische Bildung setzt einen bestimmten institutionellen Rahmen und bestimmte Realisierungsformen voraus — vom Unterrichten der Politikwissenschaften an Hochschulen bis zur Organisation von wissenschaftlichen Konferenzen, Seminaren und Gesprächskreise n. Zu den Objekten der politischen Bildung können Schüler, Studenten, Aktivis ten der gesellschaftlichpolitischen Bewegungen und Parteien sowie staatliche Akteure gehören. Die Situat ion der politischen Aufklärung ist viel komplizierter, und dafür existiert eine Reihe von objekt iven Ursachen. Der historische Kontext der Verwendung dieses Begriffes weist in der russischen Geschichte eine bestimmte Dominante auf, die mit der Verwendung des Be griffes„politische Aufklärung“ in der sowjetischen Staatsideologie verbunden ist. 1956, in der„Tauwetterzeit“ während der Amtsperiode von Gener alsekretär Nikita Chruschtschow, wurde das Netzwerk der Parteibibliotheken in den Stadt- und Be zirkskomitees der KPdSU sowie in den größeren Parteiinstit utionen in ein Netzwerk der Büros für politische Aufklärung umgewandelt. Das Ziel dieser Umwandlung war die Schaffung einer institutionellen Mehrebenenstruktur mit der Aufgabe, den Propagandisten, Agitatoren, einfachen Kommunisten sowie Parteilosen methodische Hilfe zu bieten sowie Seminare, Vorlesungen, Vorträge, Sitzungen zum Erfahrungsaustausch und Konferenzen zu organisieren. 1973 gab es in der UdSSR 6400 Büros für polit ische Aufklärung, darunter 182„Häuser der politischen Aufklärung“(in mittleren und großen Städten). 1
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