7/2010 Dezember Thesen zur Standortbestimmung der Gewerkschaften in Ungarn Ildikó Krén Vorbemerkungen: Die neue rechtsnationale FIDESZ-KDNPRegierung in Ungarn begann ihre Arbeit nach den Parlamentswahlen im April 2010, die ihnen eine stabile Zweidrittelmehrheit brachte, mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Täglich wurden neue Gesetze im Eilverfahren verabschiedet, alte zurückgenommen, die Umstrukturierung der Ministerien eingeleitet und immer wieder wurden Nester der Vetternwirtschaft und Zweckentfremdung von Steuermitteln ausgehoben. Man hielt es dabei – mit Berufung auf die gerade erst erfolgte Legitimierung durch die Wahlberechtigten – nicht für nötig, die Gewerkschaften zu konsultieren, obwohl regelmäßige Beratungen zu allen Fragen, die eine grundsätzliche Bedeutung für die Ausgestaltung der Wirtschafts- und Sozialpolitik und insbesondere die Arbeitsgesetzgebung haben, obligatorisch vorgeschrieben wären. Es dauerte mehr als vier Monate, bevor die Regierung am 20. September 2010 erstmalig das Forum der institutionalisierten Partizipation, den tripartiten Interessenabstimmungsrat(OÉT) 1 einberief. 2 1 Der Interessenabstimmungsrat ist eine Art Wirtschaftsund Sozialrat auf nationaler Ebene. In ihm sind alle sechs gewerkschaftlichen Dachverbände, sowie auf der Arbeitgeberseite neun Organisationen vertreten. Beratungen zu bestimmten Themen sind gesetzlich vorgesehen 2 Dieses erinnert an die Politik Margaret Thatchers, der es gelungen war, die bis dahin starke britische Gewerkschaftsbewegung fast vollständig zu zerschlagen. Es dauMöglicherweise ist dieser Umgang nicht nur ein Zeichen der- unbestritten auch in anderen Fragen vorhandenen- Arroganz der Macht der Regierung, sondern lässt zudem Rückschlüsse auf einige Schwachpunkte der Gewerkschaftsbewegung einschließlich ihrer abnehmenden Verankerung in der ungarischen Gesellschaft zu. Hier soll die Frage gestellt werden, wo die Gründe liegen könnten, dass die Gewerkschaften, die lange Jahre systemprägend waren, erst schleichend und unerkannt, doch in den Monaten vor den letzten Wahlen immer augenscheinlicher ihre Rolle als kraftvoll fordernde Visionäre und politikgestaltende Korrektive verloren haben, und es sollen erste Anregungen gegeben werden, die einen Weg aus der drohenden Marginalisierung skizzieren. 1. Zur gegenwärtigen Lage der ungarischen Gewerkschaften Die Zahl der gewerkschaftlichen Dachverbände 3 mag auf den ersten Blick irritierend sein: Heute sind noch sechs Gewerkschaftsbündnisse aktiv, die sich um/nach dem Systemwechsel erte fast 30 Jahre bis sich die traditionsreichen Gewerkschaften davon erholten. 3 Der noch viel stärker ausgeprägte Pluralismus auf Arbeitgeberseite wird in diesem Artikel nur zur Kenntnis genommen, aber nicht weiter thematisiert. H-1056 Budapest, F ő vám tér 2-3, Tel:+36 1 461 6011, Fax:+36 1 461 6018, www.fesbp.hu, fesbp@fesbp.hu
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