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"Durfte Brandt knien?" : Der Kniefall und der deutsch-polnische Vertrag
Entstehung
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Durfte Brandt knien? Der Kniefall und der deutsch-polnische Vertrag 1 von Alexander Behrens Es war die politisch wegweisende Geste am Beginn eines wechselvollen Jahrzehnts. Der Kniefall von Bundeskanzler Willy Brandt am 7. Dezember 1970 vor dem Mahnmal des Warschauer Gettos hat damals alle Beobachter völlig überrascht, wenn nicht überwältigt. Wer sich Filmaufnahmen dieses Moments ansieht, fühlt noch heute einen leisen Schauer auf dem Rücken, wenn Brandt plötzlich auf die Knie sinkt, den Kopf aufrecht, die Hände ineinander gelegt, und auf dem nassen Stein des Monuments vor dem Gedenkkranz verharrt. Was der Bundeskanzler da beim ersten Besuch eines deutschen Regierungschefs auf polnischem Boden im 20. Jahrhundert tat, war nicht vorgesehen,»ein unerhörter Vorgang, ein unvorstellbarer Augenblick«, erinnerte sich Richard von Weizsäcker noch 30 Jahre später. 2 Die brüchige Zukunft des deutsch-polnischen Verhältnisses schien in diesen Sekunden vom politischen Fingerspitzengefühl eines einzigen Mannes abhängig zu sein. Doch die Ungeschütztheit seiner Geste und die Verwunderung der Zuschauer, Mut hier, Fassungslosigkeit dort sie verliehen der Szenerie jene Glaubwürdigkeit, die sie zum Sinnbild würdevollen Bittens um Vergebung und Aussöhnung werden ließ. Lew Kopelew, sowjetischer Autor und Dissident, schilderte diese Macht der Geste in den Worten eines ehemaligen Warschauer Aufständischen, der in Anlehnung an den Bibelvers Matthäus 23,12 sagte:»Und ich sah, wie Willy Brandt in Warschau am Gettodenkmal kniete. In diesem Augenblick fühlte ich: In mir ist kein Haß mehr! Er kniete nieder und erhöhte sein Volk.« 3 Brandt erklärte sein Motiv später mit dem berühmten Satz:»Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.« 4 1 Der Text ist die Einleitung des soeben erschienendenDurfte Brandt knien? Der Kniefall in Warschau und der deutsch-polnische Vertrag. Eine Dokumentation der Meinungen., herausgegeben von Alexander Behrens. Wir danken dem Verlag J.H.W.Dietz Nachf. ganz herzlich für die Bereitstellung. 2 Richard von Weizsäcker: Es begann in Polen, in: DIE ZEIT vom 7.12.2000, ders.: inDurfte Brandt knien? Der Kniefall..., S. 131-133. 3 Lew Kopelew: Bekenntnisse eines Sowjetbürgers, in: DIE ZEIT vom 4.2.1977. 4 Willy Brandt: Erinnerungen, Frankfurt am Mai 1994, S. 214.