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Afghanistan: Kein Frieden ohne die Mehrheit der Bevölkerung : eine politische Bestandsanalyse
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Oktober 2001 Afghanistan: Kein Frieden ohne die Mehrheit der Bevölkerung Almut Wieland-Karimi, FES Kabul Die Mehrheit der Afghanen sind keine Taliban- oder Nordallianz-Anhänger- sie stellt die zivile Opposition. Die demokratische Bewegung ist eine zarte Pflanze, die im Afghanistan der Zukunft eine wichti­ge Rolle spielen könnte. Das übergreifende Nationalgefühl bildet das Fundament für die mögliche Einigung der Afghanen untereinander. Deutschland genießt Vertrauen bei allen Konfliktparteien und könnte deshalb eine prominente Vermittlungsfunktion übernehmen. Besonders erfahrene Nichtregierungsorganisationen, z.B. die politischen Stiftungen, können af­ghanischen Partnern wertvolle Unterstützung beim Aufbau demokratischer Strukturen leisten. Nur ein umfassendes UN-Mandat und ein langfristiges internationales Engagement können eine dauerhafte politische Lösung für Afghanistan bewirken. Die zivilen Oppositionskräfte- sträflich vernachlässigt In der momentanen politischen Diskussion über Afghanistan wird ein zentraler Aspekt sträflich vernachlässigt: Wie stellt sich die Mehrheit der etwa 20 Millionen Afghaninnen und Afghanen ihre politische Zukunft vor? Sie sind weder Anhänger der Taliban noch der Nordallianz. Ihr Leben wird vielmehr von loka­len und regionalen traditionellen Organisati­onseinheiten bestimmt, die ihre Legitimität über lokale Ratsversammlungen( ëÜìê~ë oder àáêÖ~ë) beziehen. In diesen Räten sind religiöse, ethnische bzw. Stammes-, Dorf- oder Talfüh­rer vertreten, die zwar einerseits von den ü­bergeordneten politischen und militärischen Rahmenbedingungen abhängig sind, sich aber dennoch ein großes Stück Autonomie und Unabhängigkeit bewahren. Auf lokaler Ebene haben sich einfache Formen einer funktionie­renden Verwaltung herausgebildet. Die Zuge­hörigkeit zu Kriegsfraktionen oder auch alter­nativen politischen Gruppierungen erfolgt zumeist über diese Räte, die- um es in unsere Sprache zu übersetzen- als Wahlmänner oder Multiplikatoren fungieren. Afghanistan ist also längst nicht so desorganisiert, wie es von au­ßen scheint. Der Großteil der Bevölkerung ist in erster Linie kriegsmüde und vertraut nur wenig auf die militärisch-politischen Kräfte, die sich in den letzten 20 Jahren disqualifiziert haben- ange­fangen vom kommunistischen DVPA-Regime, über die rivalisierenden Mudjahedin und der aus ihnen hervorgegangenen Nordallianz bis zu den Taliban. Die Mehrheit der Bevölkerung wünscht sich nach über zwanzig Jahren Krieg nichts sehnlicher als Frieden, vor allem weil die humanitäre Not noch nie so fürchterliche Ausmaße gehabt hat wie jetzt: Bis zu sieben Millionen Menschen, also etwa ein Drittel der Bevölkerung, befindet sich auf der Flucht und der Winter ist bereits in den Höhenlagen ein­gebrochen. Auslöser für diese Katastrophe sind der Bürgerkrieg und die Unfähigkeit der Kriegsfraktionen, die Bevölkerung zu versor­gen. Hinzu kommen eine über Jahre andau­ernde Dürre und seit kurzem die Angst der in den Städten lebenden Bevölkerung vor den aktuellen Militäraktionen.