Hanna Völkle Politische Ökonomie der Zeit Zur Relevanz von Zeitpolitik im Rahmen der sozial-ökologischen Transformation AUF EINEN BLICK Der Beitrag analysiert die politisch-ökonomische Relevanz der Zeit und erklärt, inwiefern Zeitpolitik ein Querschnittsthema ist. Wie Menschen ihre Zeit verbringen, hängt von institutionellen Rahmenbedingungen ab. Diese zu gestalten ist eine politische Herausforderung – gerade im Zuge sozialökologischer Transformationsprozesse. Zukunftsfähige Zeitpolitik umfasst wirtschaftliche, soziale und ökologische Aspekte und ist politisch ressortübergreifend zu verankern. Der Beitrag liefert praktische Beispiele und Ideen dafür. ANALYSE Objektiv betrachtet hat jeder Tag 24 Stunden. Mit Fokus auf unterschiedliche Lebensrealitäten wird allerdings deutlich, dass Zeit auf individueller Ebene durchaus ungleich verteilt sein kann. Entlang von beispielsweise sozio-demografischen (z. B. Alter), ökonomischen(z. B. Haushaltseinkommen) oder geschlechtsbezogenen Ungleichverhältnissen wird deutlich, dass zeitliche Bedarfe und individuelles Zeitempfinden variieren können. ZEITPOLITIK IST MEHR ALS FAMILIENODER FRAUENPOLITIK Alle zehn Jahre werden in den meisten europäischen Ländern sogenannte Zeitverwendungserhebungen durchgeführt. Dabei werden Menschen gebeten, ihre Alltagsaktivitäten zeitlich zu protokollieren. In Deutschland wurden zuletzt 2022/23 solche Daten erhoben. Aus diesen aktuellen Daten(Statistisches Bundesamt 2024) sowie bereits aus früherer Erhebung ist bekannt, dass Männer und Frauen unterschiedlich viel Zeit mit Erwerbs- oder Sorgearbeitszeiten(z. B. Kinderbetreuung oder Angehörigenpflege) verbringen. Frauen geben an, wöchentlich rund 30 Stunden für Haushaltsführung und Betreuung der Familie aufzubringen; bei Männern sind es neun Stunden weniger. Dieser Unterschied ist auch als sogenannter Gender-Care-Gap(Klünder 2017) bekannt. In Zusammenhang mit der ungleichen Verteilung von Sorgearbeitszeiten sind auch Erwerbsarbeitszeiten unterschiedlich verteilt. Der Unterschied der Erwerbsarbeitszeiten kann auf eine Vielzahl miteinander verwobener Faktoren zurückgeführt werden: seien es(noch immer) traditionelle Geschlechterrollen, geschlechtsbezogene Lohnunterschiede(Gender-Pay-Gap) oder mangelnde Unterstützungsmöglichkeiten, um Erwerbsarbeit und Privatleben adäquat zu vereinbaren. Im Ergebnis ist die Teilzeitquote bei Frauen deutlich höher als bei Männern. 41 Prozent aller abhängig beschäftigten Frauen arbeiten in Teilzeit, während die Teilzeitquote bei Männern neun Prozent(BAuA 2022) beträgt.„Die Frage, wie Politik mehr Zeit für Care organisieren kann, ist daher kein Thema der Familien- und Frauenpolitik, sondern einer umfassenden Gesellschaftspolitik: der Zeitpolitik“(Bücker 2022: 172). ZEITPOLITIK IST MEHR ALS ERWERBSARBEITSZEITPOLITIK „[W]enn bewusst – öffentlich und partizipativ – Einfluss genommen wird auf die zeitlichen Bedingungen und/oder Wirkungen der politischen, wirtschaftlichen und insbesondere lebensweltlichen Bedingungen der menschlichen Existenz“ (Mückenberger 2004: 25), dann definiert das Zeitpolitische Glossar 1 dies wiederum als Zeitpolitik. Institutionelle Rahmenbedingungen wie Regelungen zu Arbeitszeiten, soziale Sicherungssysteme, Steuerpolitiken oder gesellschaftliche Normen beeinflussen, wie stark die(geschlechtsbezogenen) zeitlichen Unterschiede auf individueller Ebene sind(Anxo et al. 2011). In aktuellen zeitpolitischen Debatten geht es allerdings häufig nur um Erwerbsarbeitszeiten. Andere zeitliche Bedarfe wie Sorgearbeitszeiten, Freizeiten oder Zeiten für demokratische Teilhabe werden, wenn überhaupt, dann nachrangig diskuPolitische Ökonomie der Zeit – Zur Relevanz von Zeitpolitik im Rahmen der sozial-ökologischen Transformation— FES impuls 1
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Politische Ökonomie der Zeit : zur Relevanz von Zeitpolitik im Rahmen der sozial-ökologischen Transformation
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