Druckschrift 
Programmierte Werte : Plädoyer für die Verankerung europäischer Werte in der Technologieentwicklung
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Programmierte Werte Plädoyer für die Verankerung europäischer Werte in der Technologieentwicklung Paul F. Nemitz I n heutiger Wissenschaft und aufklärender politischer Bil­dung müssen wir aufzeigen, wie die Freiheit der Einzelnen und die Funktionsfähigkeit der Demokratie im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz gesichert werden können, unter gleichzeitiger Nutzung der neuen Technologien im Interesse des Gemeinwohls in Europa und darüber hinaus. Wir brau­chen eine wertebezogene und zweckhafte Steuerung von Technologieentwicklung und Technologieeinsatz angesichts gewaltiger Herausforderungen für die Menschheit. Die Glaubwürdigkeit der individuellen Freiheit und der Demokratie als oberste Werte ist in Verruf geraten, da sie bisher weder in der Lage waren, die Klimakatastrophe und andere menschen-gemachte Katastrophen abzuwenden, noch den Trend zu einer gerechteren und nachhaltigeren Gesell­schaft, wie er seit den 1970er bis 1990er Jahren zu beobach­ten war, weiter zu intensivieren oder wenigstens aufrecht zu erhalten. Auch zeigen die hohen Raten des wirtschaftlichen Wachstums in Ländern wie Polen, Ungarn und China, dass die alte Gleichung von liberaler Demokratie und wirtschaft­lichem Wohlstand nicht mehr gilt. Als Alternativen sind der populistisch autokratische und der technologische Absolutis­mus, die eine Steuerung der Gesellschaft und der Einzelnen nach dem Führerprinzip oder durch technologische Systeme anstelle von Demokratie und Freiheit setzen wollen, auf dem Vormarsch. Die USA sind zunehmend über die eigene Demokra­tie desillusioniert. Der Kongress wirkt wie paralysiert und scheint zur Gesetzgebung nicht mehr in der Lage. Im Wei­ßen Haus regiert ein unberechenbarer Lügner. Die Politik ist gelähmt und die Antwort der Technik ist mehr Technik: Die technische Intelligenz arbeitet an neuen Steuerungs- und Problemlösungssystemen wie die dezentrale, angeblich herr­schaftsfreie Blockchain, und einer ethisch basierten, hochleis­tungsfähigen Künstlichen Intelligenz. Von diesen Systemen erhofft man sich Antworten auf all die Probleme, die die Poli­tik offenbar nicht lösen kann. Die bereits weit entwickelte Kritik aus Forschung und Zivilgesellschaft an den neuen Steuerungssystemen der Künstlichen Intelligenz und der Blockchain geht dabei induk­tiv anhand von Fallbeispielen vor, die Fehlentwicklungen der Technologie aufzeigen, um so zu einer Systemoptimierung zu gelangen. Forschung reduziert sich dabei oft auf ein nach­forschendes Verstehen der spezifischen Entwicklungen und Anwendungen, die insbesondere aus den Laboren der domi­nanten Firmen der Tech-Industrie an die Öffentlichkeit drin­gen oder bereits am Markt sind. Dieser induktiven Methode, die sicher ihre Berechtigung hat und zu einer Optimierung der Steuerungs- und Orientierungsleistung für die zukünf­tige Technologieentwicklung und Nutzung beitragen kann, muss ein Versuch einer deduktiven Theorie von Demokra­tie und Freiheit in der technischen Welt an die Seite treten. Es braucht die Einschreibung europäischer Werte in Recht und Technik Eine solche Theorie muss sicherstellen, dass europäische Werte wie Rechtsstaatlichkeit, Grundrechte und Solidari­tätselemente der Technologieentwicklung und Nutzung zu Grunde liegen. Das kann dann in der Praxis auch bedeuten, dass Unternehmen dazu verpflichtet werden müssen, wer­tebezogene Technologien zu entwickeln, wie bei der Daten­schutz-Grundverordnung(DSGVO) geschehen. In manchen Fällen lassen sich aber auch freiwillige Vereinbarungen tref­fen, wie die Selbstverpflichtungen großer Internetfirmen zur Bekämpfung von Hass und Gewalt sowie Desinformation und Propaganda zeigen. Um zu verstehen, warum das nötig ist, hilft ein Blick in die Geschichte der philosophischen Begründung von indi­vidueller Freiheit und der Definition dessen, was es heißt, Mensch zu sein(im Unterschied zur Maschine) und wie sich das Verständnis von Bewusstsein, Denken, Fühlen und Entscheiden vom individuellen zum kollektiven und kom­munikativen hin entwickelt hat. Wir sollten zeigen, dass der Mensch nicht auf Logik und Optimierung reduziert werden kann und darf, und dass Freiheit immer auch Widerständig­keit gerade gegen solchen Tendenzen beinhaltet und beinhal­ten muss. Gleichzeitig müssen wir uns die Entwicklung der Demokratie und die Erfahrung mit nicht demokrati­scher Gesellschaftssteuerung, wie wir sie bereits in Platons