Michael Müller DIREKT 01/ 2019 ATOMMÜLL Zum ungelösten Problem der Kernenergie AUF EINEN BLICK Die sichere Lagerung radioaktiver Abfälle gehört zu den großen ungelösten Aufgaben unserer Zeit. Sie steht beispielhaft für die Herausforderungen der industriellen Risikogesellschaft, deren Folgen gesichertes Wissen weit übersteigen. Mit dem StandAG ist seit 2014 die Grundlage dafür geschaffen, die Suche nach einem Endlagerstandort in Deutschland neu zu beginnen. Die Endlagerkommission hat dazu Prinzipien und Kriterien erarbeitet. Sie zielen auf einen völligen Neuanfang durch mehr Sicherheit, mehr Transparenz und mehr Mitsprache. Der Konflikt um die Nutzung der Atomenergie hat Deutschland über Jahrzehnte hinweg geprägt. Mit ihrem Abschlussbericht (2016) hat die Kommission Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe(Endlagerkommission) nun die Grundlage dafür geschaffen, um diesen Konflikt endgültig zu befrieden und auch das letzte Kapitel, die sichere Lagerung des Atommülls, abschließend zu klären. Der Bericht eröffnet darüber hinaus aber auch wichtige Rückschlüsse für den gesellschaftlichen Umgang mit modernen Technologien. DIE VORGESCHICHTE Im Dezember 1938 kam es in Berlin-Dahlem zu der folgenreichsten Entdeckung des 20. Jahrhunderts: die Atomkernspaltung. Im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie bestrahlten Otto Hahn und Fritz Straßmann Uran mit Neutronen. Die Spaltprozesse lösten Kettenreaktionen aus, die eine extrem hohe Energie freisetzten. Das Atomzeitalter gab den Menschen gewaltige Macht, ohne darauf vorbereitet zu sein. Mit dem Nationalsozialismus und dem beginnenden Zweiten Weltkrieg schlug die weitere Entwicklung eine militärische Richtung ein. In den USA kam es zum Manhattan-Projekt. Nachdem es dem Kernphysiker Enrico Fermi im Dezember 1942 im Reaktor Chicago Pile 1 gelungen war, eine größere Menge Plutonium zu produzieren, wurden die ersten drei Atombomben gebaut und über der Wüste von Nevada und im August 1945 über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki abgeworfen. Mit der Inbetriebnahme des ersten Atomkraftwerks 1951 in Idaho Falls begann die zivile Nutzung der Atomenergie. Zwei Jahre später rief US-Präsident Dwight D. Eisenhower vor der UN-Generalversammlung das Programm„Atoms for Peace“ aus. Das demonstrative Abkoppeln von der militärischen Atomtechnik wurde zum großen Coup der amerikanischen Regierung im beginnenden Kalten Krieg, um die westlichen Länder in ihre Interessen einzubinden. Die Frage der radioaktiven Abfälle spielte keine Rolle. Die zivile Nutzung der Atomenergie in Deutschland startete am 3.10.1952, als Bundeskanzler Konrad Adenauer den Bau eines ersten Atomreaktors ankündigte. Im Oktober 1955 nahm schließlich das Bundesministerium für Atomfragen seine Arbeit auf, an dessen Spitze Franz Josef Strauß(CSU) stand. Damals herrschte eine naive Technikgläubigkeit vor, in der die zivile Nutzung der Atomkraft unkritisch gesehen wurde. Die Atomenergie ist jedoch ein komplexes industrielles Megaprojekt, das mit weitreichenden Folgen und nicht zu kontrollierenden großen Gefahren verbunden ist. Mitte der 1970iger Jahre setzte der Widerstand gegen die militärische und zivile Nukleartechnologie ein. Zum Wendepunkt wurden nicht nur die Auseinandersetzungen vor den AKW-Bauplätzen in Wyhl, Brokdorf, Kalkar oder Grohnde, sondern vor allem die Beinahekatastrophe 1979 im amerikanischen Harrisburg und endgültig für die Herausbildung einer stabilen Mehrheit gegen die Atomenergie 1986 der SuperGAU in Tschernobyl. >
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