Claudia K. Huber Schlechte Nachrichten aus Brüssel? Die Medien und die EU Griechenland und Italien kurz vor der Pleite, der Euro vor dem Abgrund, keine gemeinsame Linie im Umgang mit dem verstärkten Migrationsdruck auf die EU, der Brexit, die Wahl immer mehr autokratischer Regierungen, das Erstarken populistischer Bewegungen – wer dieser Tage Nachrichten liest, sieht oder hört, bekommt schnell den Eindruck, die Zentrifugalkräfte in der EU würden immer stärker, die EU sich von innen heraus zerlegen. Nicht selten werden die Krisen zum Anlass genommen, auch gleich das Scheitern der gesamten EU zu verkünden. Natürlich müssen Medien diese Entwicklungen abbilden. Mehr noch: Als„Vierte Gewalt“ im Staat haben sie die Aufgabe, Missstände und negative Entwicklungen publik zu machen. Auch im Mehrebenensystem EU müssen sie diese demokratische Kontrollfunktion selbstverständlich übernehmen. Es ist allerdings ein schmaler Grat zwischen Kritik und Kontrolle des europäischen Regierungshandelns und dem aktiven Herbeischreiben der Krise – zwischen deskriptiver und delegitimierender Berichterstattung über die Europäische Union und ihre Akteure. Es stellt sich also im Kern die Frage: Ist die Krise wirklich so allgegenwärtig in der Europäischen Union? Oder überzeichnen die Medien mit ihrer Berichterstattung womöglich die realen Krisen und verschärfen sie dadurch erst? Was ist hier eigentlich Henne, was ist Ei? Der vorliegende Beitrag soll einige Impulse zur Diskussion von EU-Berichterstattung geben. Aufgrund der gebotenen Kürze kann nur auf ausgewählte Aspekte eingegangen werden. Dabei beschränkt sich die Analyse auf klassische Medien. Auch wenn digitale Kommunikationsräume eine immer wichtigere Rolle für entgrenzte, transnationale Öffentlichkeiten spielen, wird davon ausgegangen, dass klassische Medien nach wie vor eine wichtige Orientierungsfunktion haben(vgl. dazu auch Hillje 2019: 69f.). DIE MEDIEN UND DIE EU – EINE SPEZIELLE BEZIEHUNG Zahlreiche medieninhaltsanalytische Untersuchungen haben sich mit der Quantität und Qualität von EU-Berichterstattung befasst. Es gehört inzwischen zum Common Sense, dass Medien und Politik in der EU anderen Spielregeln folgen als im nationalen Kontext, dass sich viele Grundannahmen über politische Kommunikation nicht ohne weiteres übertragen lassen. Das liegt nicht nur an der einzigartigen institutionellen Struktur der EU, sondern auch daran, dass es keine natürlich gewachsene Öffentlichkeit gibt: Es gibt keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsamen Medien, sondern stattdessen 28 – vielleicht bald 27 – unterschiedliche Mediensysteme mit verschiedenen Kommunikationskulturen und Publikumserwartungen. Lange Zeit hatten diese getrennten Medienmärkte allerdings eine Gemeinsamkeit: EU-Themen galten als Quotenkiller und waren folglich in den Medien stark unterrepräsentiert. Inzwischen ist in allen Mitgliedsstaaten ein Anstieg der EU-Berichterstattung zu verzeichnen(vgl. Marquart et al. 2018: 2). Dabei gibt es große Unterschiede in der Qualität. In einigen Medien findet man erklärende Hintergrundstücke und eine kritische Auseinandersetzung mit einzelnen Gesetzesvorhaben. Oft ist die Berichterstattung jedoch stark ereignisorientiert und auf nationale Konfliktlinien zugespitzt. Otto und Köhler(2016) haben die deutsche Wirtschaftsberichterstattung zur griechischen Staatsschuldenkrise in den überregionalen Tageszeitungen sowie bei Spiegel Online untersucht. Sie kommen zu der Erkenntnis, dass die Schuldenkrise über weite Teile nicht als europäisches Problem behandelt wurde. Die Medienberichte suggerierten vielmehr, es ginge um einen Konflikt zwischen Deutschland und Griechenland(vgl. ebd.: 78).„Zwar bildeten europäische Ereignisse, wie Krisen-Gipfel oder Finanzministertreffen, Anlässe zur Berichterstattung und stei-
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