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Europas Armut und Ungleichheit : unterschätzt, aber zuletzt leicht gesunken
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Michael Dauderstädt und Cem Keltek DIREKT 13/ 2018 EUROPAS ARMUT UND UNGLEICHHEIT Unterschätzt, aber zuletzt leicht gesunken AUF EINEN BLICK Die offizielle EU-Statistik schönt nicht nur die Un­gleichheit, sondern auch das Ausmaß der Armut in der EU. Beide liegen bedenklich hoch. So sind über 140 Millionen Menschen in der EU von Armut bedroht. Zwar haben sich die Verhältnisse von 2015 auf 2016 leicht verbessert, aber ihr weiter bedrohliches Aus­maß gefährdet den sozialen und politischen Zusam­menhalt Europas. Die so berechneten Werte sind aber methodisch falsch konstru­iert und unterschätzen massiv das tatsächliche Ausmaß von Armut und Ungleichheit, worauf der führende Verteilungsexperte Anthony B. Atkinson schon 2010 in einer EU-Veröffentlichung hingewiesen hat(Atkinson et al. 2010: 109). Sie vernachlässigen nämlich die gewaltigen Einkommensunterschiede zwischen den Mitgliedstaaten. Diese Unterschiede fallen besonders hoch aus, wenn man die Einkommen zu Wechselkursen vergleicht, und deutlich geringer, wenn man die unterschiedliche Kaufkraft der Einkommen(sie ist in ärmeren Ländern höher, da dort das Preisniveau geringer ist) berücksichtigt. Anlässlich der Regierungserklärung am 22. Februar 2018 im Deutschen Bundestag zur Tagung der Staats- und Regierungs­chefs der EU-27 wies die Fraktionsvorsitzende der SPD, Andrea Nahles, in ihrem viel beachteten Kommentar auf die drama­tische Ungleichheit und Armut in der Europäischen Union (EU) als eine der Ursachen von Migration und Populismus hin. Doch wie stark ist die Armut und wie schief ist die Einkommens­verteilung in Europa tatsächlich? DIE OFFIZIELLE STATISTIK GIBT EIN ­GESCHÖNTES BILD Zur europaweiten Armut und Ungleichheit macht die EU bzw. ihr Statistisches Amt Eurostat seit 2005 offizielle Angaben in Form der Armutsquote und der S80/S20-Quote letztere für die Ungleichheit. Die Armutsquote gibt an, wie viel Prozent der Bevölkerung weniger als 60 Prozent des mittleren Ein­kommens erhalten; da es sich dabei nicht um absolute Armut (im Sinne der Weltbankdefinition von weniger als 1,25 US-$/Tag) handelt, spricht man auch von Armutsrisiko. Die S80/S20-Quote zeigt das Verhältnis des Einkommens des reichsten Fünftels (Quintils) zum ärmsten Quintil der jeweiligen Bevölkerung. Die bei Eurostat angegebenen Werte für die EU als Ganzes ermittelt die EU als mit der Bevölkerungszahl gewichtete Durchschnitte der jeweiligen nationalen Quoten. FAST 142 MILLIONEN EUROPÄER SIND VON ARMUT BEDROHT Die Autoren haben seit Jahren realistischere Schätzungen der europaweiten Ungleichheit vorgelegt(zuletzt 2017; vgl. z. B. Dauderstädt/Keltek 2017), die sowohl die innerstaatlichen wie auch die zwischenstaatlichen Einkommensunterschiede berück­sichtigen. In der vorliegenden Kurzstudie ergänzen wir diese Analyse durch eine Schätzung der europaweiten Armutsquote, die sich im Kern der gleichen Methode bedient(vgl. dazu den Kasten). Die so berechneten Werte liegen deutlich höher als die offiziellen Angaben. Man könnte einwenden, dass die Ein­ordnung von Menschen, die in ihren Ländern zu den relativ besser Gestellten zählen, in die Gruppe der Armen Europas un­angemessen ist. Aber diese nationalzentrierte Sicht, die auch die EU-Statistik prägt, unterschätzt die Europäisierung der sozia­len Lagen(Heidenreich 2006) mit ihren Konsequenzen für Migration und sozialen Zusammenhalt. >